Es war kein Tor. Es war ein Wunder. Ein freier Schuss von Akkus, der nicht nur die Maschen des Stein 1. FCU traf, sondern auch die gesamte kommunale Selbstwahrnehmung von Grafenwörth. Die 71. Minute war nicht mehr Zeit, sondern eine neue Ära. Das Gebälk des Tors, das vergangenes Jahr vom Bäckermeister als „nicht mehr sicher“ eingestuft worden war, wurde plötzlich als nationales Kulturgut anerkannt. Die Gemeinde erklärte, man werde ab sofort den Ball – den echten, den mit der leichten Verrundung an der Nordseite – in einer klimatisierten Vitrine aus Eichenholz und Sitzsackresten aus dem letzten Bezirksfest ausstellen. „Er ist kein Spielgerät mehr“, sagt der Bürgermeister, „er ist das letzte Stück Gerechtigkeit, das uns die Zivilisation noch lässt.“
Der Schiedsrichter, Herr Kerem Barmaksiz, wurde von der Polizei zum Ehrenmitglied der Landespolizei ernannt. Seine Handy-Nummer ist nun in der Notruf-Zentrale hinterlegt. Bürger dürfen ihn ab 22 Uhr anrufen, wenn sie einen Streit mit dem Nachbarn haben, wenn der Hund den Rasen verwüstet hat, oder wenn die Tiefkühlpizza nicht aufgeht – und da das ÖAMTC-Rufnummer-Motiv plötzlich langweilig war, tauschte man die Autovermittlung einfach gegen Barmaksiz. Ein unerwarteter Nebeneffekt: Seitdem klingelt sein Handy oft zwischen 3 und 4 Uhr morgens. Er antwortet immer mit: „Bis zur 90. Minute ist alles möglich.“
Die Kartenblätter der Spieler wurden zur Aktenlage erhoben. Jede gelbe Karte erhielt einen eigenen Verwaltungscode, zwei davon – Pipinics Foul in der 70. Minute und Entrups Foul in der 81. – wurden zu Basisdokumenten der neuen „Gemeindesatzung über sportliche Integrität“. Die Spieler durften nicht mehr mit ihrem Ball trainieren, nur noch mit dem Originalball von Grafenwörth – oder eben mit dem tingelnden Ball als Symbol und Gegenstand der Ehrfurcht. Sie bekamen patentierte „Freistoß-Übungssocken“ mit integrierter Taktik-Analyse-App. Die Schuhe dürfen nicht mehr gewaschen werden. „Die Erde des Platzes, das ist unser Blut“, sagte Finz bei der Einweihung des neuen Kitsch-Reliquiengartens neben der Bäckerei.
Die 100 Zuschauer sind jetzt Ehrenbürger. Die Stadionkasse, die bisher aus vier Teos mitsamt kleinem Kaugummiautomaten bestand, wurde zur Basilika erklärt. Jede Karte, die im Moment des Tores gezogen wurde, wird nun als direktes Schriftstück des Himmels zertifiziert. Ein Kunde hat bereits eine überlebensgroße Statue des Balls aus der Stadttischfußballhalle bestellt. Der Bildhauer lehnt ab: „Ich mach’ kein Idol aus Filz. Das ist Gotteslästerung.“
Der Stein 1. FCU erfolgte vermehrt. Die offizielle Einladung zum nächsten Spiel lautet nun: „Da muss man wieder hin. Weil es so war. Und weil es so sein muss.“
Die Spielzeit wird nicht mehr in Minuten gezählt. Sondern in Sekunden nach Akkus.