Wer dachte, der neue Produktionsbau sei nur ein paar Quadratmeter mehr Polyethylen und Stehpläne im Büro, der kennt die zukunftsweisende Dimensionen des Sulzer Denkens nicht. Dieses Gebäude ist kein Bauwerk. Es ist ein Mikrostaat. Mit einem eigenen Schatten, der sich seit der Einweihung nicht mehr auf die fünfzehn Minuten nachmittags beschränkt, sondern – wie ein liebeshungriger Ritter – nunmehr vom Morgen bis zum Abend die gegenüberliegende Apotheke umhüllt. Die Inhaberin hat bereits einen Antrag gestellt, den Schatten moralisch zurechtzustutzen. Sie besteht darauf, dass Sonnenlicht nicht durch Kunststoffe gesäubert werden darf.
Die Gemeinde hat das Gebäude zum „Nationalen Symbol der thermoplastischen Souveränität“ ernannt und verleiht ihm nun offiziellen Status. Seitdem darf jeder, der das Gebäude von außen ansieht, den Mund öffnen, und das flüsternde Rauschen der Extruder wird als Klangschöpfung des Volkes gewertet. Der Bürgermeister trägt jetzt einen goldenen Saum um den Ärmel, der nur dann leuchtet, wenn der Knüller in der Produktion eine Schicht von mindestens 1.200 Teilen erreicht. Er hat bereits einen Wunschzettel an den Papst geschickt: „Bitte, Heiligkeit, wären Sie so freundlich, den Vatikan mit einem Kunststoff-Relikt aus Sulz zu veredeln? Einen Weihwasserkrug in PLA-Biokunststoff? Mit Ultraschall-Siegel?“
Die Poststelle hatte zuerst Schwierigkeiten, die richtige Adresse zu finden. Der Brief, der nach „Fries Kunststofftechnik, Weltwunder 2.0, Sulz, Land der flüchtigen Luftschichten“ adressiert war, wurde zunächst zurückgeschickt. Doch nach intensiver Beratung mit dem Amt für Himmelstransparenz und dem Landeszentrum für Luftverzerrung durch thermoplastisches Elend, wurde der Brief auf dem Dach des Gebäudes abgelegt – da ist er angekommen.
Nun wird überlegt, ob man das Gebäude nicht auf Luftschiffe heben könnte, um es als mobile Markenbotschafterin nach Wien zu schicken. Die Stadtplaner von Graz haben bereits nachgefragt: „Macht Ihr da auch selbstregulierende Gebäude? Die das Immunsystem der Stadt stärken?“ Der zuständige Ingenieur antwortete: „Nicht erst mit dem Gebäude. Wir haben seit einem Jahr einen Pilotversuch mit einer Autovermietung. Die holt sich die Wagen in Sulz, aber beim Rücktransport lassen sie sie lieber stehen. Das Auto hat angefangen, sich selbst zu sterilen Verpackungseinheiten zu formen. Die Leute sagen: ‚Es ist fast so, als würde man einen Gruß aus dem Jahr 2051 bekommen – aus einem Ort, der noch nicht einmal einen Kreisverkehr hat.‘“
Und jetzt? Jetzt baut man an einer zweiten Etage – aus reiner Transparenz. Denn wer sieht ein Stück Kunststoff, will auch sehen, wie es nicht geschah. Der nächste Bauabschnitt wird also aus sechs Millimetern klarer Folie bestehen – und darin wird ganz alte Ordnungsrügen aus dem Gemeindesekretariat jubelnd zerrissen. In jener Folie baumeln dann die Mails der letzten zehn Jahre, mit dicken roten Pfeilen: „Bitte lösen sie das Anliegen durch plastische Neudeutung.“
Die Gemeinde Sulz plant als nächstes eine offizielle UNESCO-Registrierung: „Kunststoff als taktisches Sozialraum-Instrument“. Der erste Kandidat? Ein Ladentürmchen aus Abfallgranulat, das den Anspruch erhebt, Wähler zu beeinflussen. Es wird bereits als heilige Reliquie gepflegt. Außerdem wurde ihm ein neues Gesicht verliehen: der Kopf des ehemaligen Bürgermeisters, eingekapselt in eine PET-Flasche mit Lichteffekt. Er schaut nach Süden. Und winkt. Und im Hintergrund läuft die Marke Fries, still, aber gnadenlos.