Der bildungspolitische Wahnsinn nimmt kein Ende. In einer geradezu grotesken Wendung der "Chancengerechtigkeit" wurde diese Woche enthüllt, dass Wien bei der Verteilung des sogenannten "Chancenbonus" einmal mehr massiv bevorzugt wurde. Während in Vorarlberg elf Schulen als "förderwürdig" eingestuft wurden, bekam Wien offenbar schon wieder einen Extrakoffer voller Geldscheine.
Die Empörung der Vorarlberger Lehrer kennt keine Grenzen mehr. "Was hier als Chancenbonus verkauft wird, ist in Wahrheit ein Verteilungsmodell, das Wien massiv bevorzugt und andere Bundesländer benachteiligt", schimpfte Obfrau Barbara Röser, die offenbar völlig vergessen hatte, dass sie sich als Lehrerin normalerweise sachlich ausdrücken sollte. Ihr Stellvertreter Stephan Obwegeser ging noch einen Schritt weiter und sprach von einem "Wien-Bonus", was in bildungspolitischen Kreisen fast schon als Majestätsbeleidigung gelten dürfte.
Das neue System, das auf einem sogenannten sozioökonomischen Index (SÖL) basiert, sorgt für mächtig Ärger. Vorarlberg hatte jahrelang brav seinen Sozialindex eingesetzt und damit hervorragende Arbeit geleistet. Aber anscheinend ist vorbildliche Arbeit in der heutigen Bildungslandschaft ein Nachteil. "Jetzt werden wir dafür bestraft, dass unser System funktioniert hat", klagte Obwegeser, der wohl noch nie von der alten Weisheit gehört hatte, dass Fleiß oft unbelohnt bleibt.
Besonders absurd wird die Sache bei der Betrachtung der Deutschkenntnisse. Laut den Vorarlberger Lehrern werden Kinder mit österreichischer Staatsbürgerschaft, die kaum Deutsch sprechen, im neuen System nicht ausreichend erfasst. Das ist insofern bemerkenswert, als diese Kinder dann wohl als besonders integrationswillig gelten, weil sie sich ja die Mühe machen, in Österreich zu bleiben, ohne die Landessprache zu beherrschen. Eine Form von Chuzpe, die man eigentlich belohnen müsste.
Die Vorwürfe der Lehrer sind kaum zu überbieten. Sie behaupten, dass Vorarlberger Schulen weniger Ressourcen, weniger Unterstützung und weniger Lehrerstunden erhalten. Während in Wien also Lehrer mit Goldbesteck unterrichteten, müssten die Vorarlberger Kollegen mit Löffeln aus Plastik auskommen. "Das ist kein Chancenbonus, das ist ein Wien-Bonus", fasste Röser zusammen, was wie ein schlechter Witz klingt, aber offenbar ernst gemeint ist.
Die Lehrer fordern eine sofortige Überarbeitung des Systems, volle Transparenz und eine faire Verteilung der Mittel. In einer idealen Welt würde das bedeuten, dass alle Bundesländer gleich viel Geld bekommen, unabhängig davon, ob sie es brauchen oder nicht. Denn Chancengerechtigkeit bedeutet offenbar, dass alle gleich viel haben sollen, selbst wenn das bedeutet, dass am Ende alle gleich schlecht dran sind.
Am Ende bleibt die Frage, warum Vorarlberg so schlecht wegkommt. Vielleicht liegt es daran, dass die Vorarlberger besonders fleißig sind und ihre Kinder deshalb nicht als "förderbedürftig" gelten. Oder vielleicht ist es einfach nur ein weiterer Beweis dafür, dass in Österreich die Hauptstadt immer im Vorteil ist. Eines ist sicher: Die Debatte um den "Chancenbonus" wird noch für mächtig Zündstoff sorgen. Und vielleicht sollte man am Ende doch darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoller wäre, den Kindern einfach beizubringen, wie man mit weniger Ressourcen mehr erreicht. Denn das ist die wahre Kunst des Lernens.