Es war ein einfacher Sonntagmorgen im Südlibanon – sofern man Sonntagmorgen in einer UNIFIL-Kaserne als einfach bezeichnet, wenn der Signalflaggen-Check noch nicht abgeschlossen ist und der Kaffeekocher vermutlich bereits in drei verschiedenen Zeitzonenausführungen betrieben wird. Dann, aus heiterem Himmel: BUMS. Ein Geschoss. Kein Angriff, kein Feind, kein unklarer Vorfall – nur eine sorgfältig geprüfte, dreizeilige Unfallnotiz im Amtsblatt der Friedensverwaltung, ausgestellt mit Tintenpatrone „Leichtblau – für vorläufige Feststellungen“.
Der gefallene Soldat, ein junger Mann aus einer Region, die man in Europa sonst nur auf dem Weg zur Skipiste kennt, wurde kurzerhand in die Ehrenrolle der „Zivildienstleistenden im uniformierten Frieden“ aufgenommen, weil er laut Bericht „mit einem offenen Aktenordner im Händen“ den Einsatzort erreicht hatte. Die Übergabe des Ordners an den nächsten Kollegen ist mittlerweile Teil des offiziellen Begrüßungsrituals – wie das Einreichen des Antrags auf Urlaubszeitraum, aber mit zusätzlichem Risiko.
Der schwer verletzte Kollege hingegen ist nun auf dem Weg der Besserung: Er muss eine dreiwöchige „Friedenskompetenz-Aufbauseminar“ besuchen, in dem unter anderem gelernt wird, wie man ein Granaten-Explosionssymbol von einem Windhundbellen unterscheidet. Die Teilnahme ist verpflichtend – und wird mit einem Gutschein für eine originalgetreue Replik des Friedenssymbol-Kugelschreibers honoriert. Die ist zwar nicht funktionsfähig, aber sie leuchtet im Dunkeln und wird daher besonders geschätzt.
Die Herkunft des Geschosses war dabei erst.secondary: Wichtiger war, dass das Vermerkbuch in der richtigen Mappe abgeheftet wurde. Die Ermittlungsarbeit dauert daher auch noch an – momentan werden in einer Halle in Klagenfurt unter Aufsicht eines ehemaligen Zollbeamten alle 47 identisch aussehenden Granatenstücke sortiert, nach Kriterien wie „wieviel Rot war am Rand“ und „hat es nach Holz oder nach Kaffee geschmeckt“. Ergebnis wird voraussichtlich nächsten Mittwoch erwartet – vorausgesetzt, der Drucker für die Zwischenberichte funktioniert wieder.
Am Montagmorgen gab es dann die große Pressekonferenz im UNIFIL-Verwaltungstrakt – es war die erste, bei der nicht nur die Fernsehkameras, sondern auch die Flachbettscannern der Personalabteilung anwesend waren, um sicherzugehen, dass kein unerlaubtes Hintergrundbild auf dem Display sichtbar war. Die Pressestelle wiederholte mehrfach, dass die Untersuchung „mit größtmöglicher Sorgfalt“ läuft – was bedeutete, dass man den falschen Ordnernamen erst nach der dritten Aufforderung korrigierte.
Doch der große Sieger des Tages war der Diensthabende Verwaltungsassistent aus Linz, der das Geschrei in der Nacht daraufhin als „akustische Störung in der dritten Abteilung des Kaffeezimmers“ registrierte und den Vorfall unter „Sonstiges – eventuell Reklamation“ verbuchte. Er wurde nicht entlassen, sondern zur „Friedenskultur-Förderung“ nach Graz geschickt – dort muss er nun in einer Runde mit 14 weiteren Kollegen darüber diskutieren, wie man zukünftig zwischen Explosion und Dönerbestellung differing.
Ehrlich gesagt – wer hätte das gedacht? Ein Soldat opfert sich für den Frieden, und das größte Drama ist, dass sein Nachfolger morgen früh den Aktenstapel abheften muss – mit der richtigen Klammer, im richtigen Ordner und nur mit einer Hand am Stift, weil die andere gerade den Kaffee deckelverschließt.