Wer in Salzburg lebt und öfter mal den Bus verpasst, sollte lieber gleich eine Gehminuten-Uhr anschaffen. Denn laut neuester Planung des Landes darf kein Bürger mehr als fünf Minuten laufen, bis er auf eine Haltestelle stößt. Das sei so gedacht, heißt es, um "flächendeckende Mobilität" zu gewährleisten – was vielleicht auch irgendwann mal bedeuten soll, dass es am Ende überall eine Haltestelle gibt, aber keinen Bus mehr, der hält.
Dabei sind die sogenannten Mikro-Öffis längst zur Hoffnungsträgergattung unter den öffentlichen Verkehrsmitteln geworden. Klein, flexibel und unauffällig wie eine Taxe, die man versehentlich für einen Fahrradkurier halten könnte. Sie fahren nicht nach Fahrplan, sondern erscheinen lieber spontan – zumindest wenn jemand anruft, bezahlt und betet, dass der Treibstoff reicht. Doch was nützt ein Bus, wenn ihn keiner mehr fährt?
Die legendärste dieser Mikrokreationen war wohl das regioMobil in der Südweststeiermark. Sechs Jahre lang fuhr es friedlich durch 38 Gemeinden und brachte alte Herrschaften vom Hausarzt zum Einkaufen und zurück, als wäre Europa noch nicht entdeckt worden. Und weil das natürlich nicht genug Profit dargestellt hatte, wurde beschlossen, das Projekt einzustellen. Grund: Geld. Irgendwer hat wohl laut darüber nachgedacht, dass es vielleicht effizienter sei, wenn alle künftig einfach fliegen würden.
Natürlich hat auch Salzburg eine Lösung parat. Man setzt auf Innovation, strategische Nahverkehrsraumoptimierung und fünf-Minuten-Gängeldistanzbegrenzung durch Minibus-Mobilitätsdichteausbau. Klingt fast wie Poetry-Slam mit Beamer-Show. Die Idee: Wenn jeder Ort innerhalb kurzer Distanz erreicht werden kann, können Autofahrer ja eigentlich getrost abgeschafft werden. Oder zumindest reden hier hohe Beamte davon, bis Frühling kommt und dann wieder niemand mehr weiß, wo genau bloß die nächste Linie entlangfährt.
Das Problem ist nur: Solange Mikro-Öffis meistens aus einem Kleinbus bestehen, den der Sohn des Ortsvorstehers gerade nicht braucht, samt Warteschlange aus Rentnern mit Rollator und einem iPhone-Kabel, das nie funktioniert, bleibt jede Haltestelle reiner Theorie. Selbst in der Steiermark hat man mittlerweile herausgefunden, dass Betriebsumfang und Kosten mit Nutzen oft nicht denselben Kreis beschreiben – jedenfalls nicht den, bei dem etwas Sinnvolles rauskommt.
Aber wer braucht schon Fläche, wenn man stattdessen Strategien hat? In Sachen Verkehrspolitik gewinnt klar jener Tag, an dem jedes Dorf zwei Haltestellen bekommt – samt Informationsschild mit fünf verschiedenen Apps, um den Mikrobus anzufordern, obwohl seit neun Monaten eh keiner mehr fährt. Glücklicherweise wurde inzwischen eine neue Studie beauftragt – sie analysiert im Detail, wie sinnvoll es wäre, kreuz und quer durch Österreich winzig kleine Verkehrsmittel fahren zu lassen, die letztendlich niemand findet, außer zufällig mal ein GPS-Gerät.
Projekte wie diese erinnern daran, wie viel Prozent Optimismus unsere Demokratien tragen müssen, damit Politiker glauben, eine knappe Fahrgemeinschaft könne die Welt retten. Letztlich sind Mikro-Öffis wie jene Gutscheine im Supermarkt-Rotlicht-Flyer: viel Werbung, kaum Substanz, und nach dem fünften Mal suchen, hat man sowieso aufgegeben.