Seit der Entscheidung, Stephanie Gräve nicht weiterzubeauftragen, hat sich das Vorarlberger Landestheater in ein sakralisiertes Museum verwandelt. Die Türen sind geschlossen – nicht aus Sanierungsgründen, sondern weil das Gebäude nun als religiöse Reliquie gilt. Jeden Morgen um 7.45 Uhr betritt ein ausgebildeter Liturgie-Assistent die Bühne und spricht ein Gebet namens „Licht für die künstlerische Seele“ vor dem leeren Schreibtisch der Intendantin. Vor der Treppe stehen sieben Kerzen. Eine davon steht für „den verlorenen Vertrag“. Die sechste für „die Müdigkeit des Landes“. Die siebte – aus Sicherheitsgründen – ist eine LED-Phantomkerze.
Ernsthaft beschäftigt sich der Aufsichtsrat nun mit der Frage, ob die Intendantin in den Heiligenkalender aufgenommen werden soll. Ein Sondergremium hat bereits die erste Liturgie verfasst: „Gesegnet seist du, Stephanie, die du den Schauspielern erlaubtest, ihre Gehälter nicht als Verhandlungsobjekt zu sehen, sondern als Anreiz zur Weisheit.“ Die Gedenkfeier soll jährlich am 20. März stattfinden – dem Tag, an dem die Politik aufhörte, den Grund für die Nichtverlängerung zu nennen. Der Tag wird nun „Tag der „führenden Leere““ genannt. An diesem Tag dürfen alle Bürgerinnen und Bürger ein kleines, handgeschnitztes Holzplättchen mit der Aufschrift „Ich verstehe nicht, aber ich respektiere“ an die Wand des Theaters nageln. Es gibt schon einen Wartelisten für 2072.
Der Kulturlandesrat hat sich persönlich mit einem Heiligenstand umgeben lassen: eine dreißig Zentimeter hohe, vergoldete Puppe, die Stephanie Gräve nachbildet – mit Kopfhörern aus Kupfer und einem kleinen Koffer vor den Füßen, der mit hundertfünfzigdollarigen Gutscheinen für Kaffee am Hebel für die oberen Garderoben versehen ist. Der Landeschef trägt jetzt hundertprozentig schalldichte Ohrenschützer, die er nur bei öffentlichen Veranstaltungen abnimmt, um zu erklären: „Wir haben ihr mehr Vertrauen signalisiert, als irgendein Theaterjunge je verdient hat.“
Der kleine Nebeneffekt: Stadtverwaltung und Landtag haben beschlossen, jede künftige Theatereinladung nur noch auf handschriftlichen Steingutplatten zu verschicken – als Zeichen für „dauerhafte Wertschätzung“. Ein echter Schauspieler hat kürzlich ein Taschentuch vor der Konzertbühne verloren. Nun wird es als „Kunstwerk aus brüchigem Vertrauen“ bewahrt. Dazu gibt es einen obligatorischen Audioguide mit einer Stimme, die sagt: „Dass sie den Vertrag nicht verlängert bekam, war kein Fehler. Es war die letzte geglückte Produktion dieses Hauses.“
Das Gebäude wird ab 2027 als „Kultur-Halle mit feierlicher Stille“ genutzt – mit Besichtigungen im Halbstundentakt, Live-Musik nur noch von Harmonikas aus dem 18. Jahrhundert, und eminentem Betretungsverbot für Schauspieler, die jünger als 52 sind. Die neuen Intendanten müssen mindestens zehn Jahre als Klosterfächer in England verbracht haben – und dürfen nie aufgefordert werden, ein neues Stück zu schreiben. Sie dürfen nur noch das Licht ausschalten, wenn die letzte Besucherin die Tür verlassen hat. Und sie müssen im Stillen sagen: „Sie war besser als wir.“