Die Nachricht vom Ableben Lionel Jospins im Alter von 88 Jahren versetzte ganz Frankreich in einen Ausnahmezustand der Ruhe. Der langjährige Premierminister und Ex-Chef der sozialistischen Partei soll am Sonntag friedlich eingeschlafen sein, was seine Hinterbliebenen nun vor ein ungewohntes Problem stellt: Sie wissen nicht, wie sie ohne ihn überhaupt noch etwas anfangen sollen.
Jospins größter Coup war die Einführung der 35-Stunden-Woche, die er einst als "Befreiungsschlag für die arbeitende Bevölkerung" bezeichnete. Nun trauern die Franzosen um etwas, das sie längst als selbstverständlich erachten - wie den morgendlichen Café au Lait oder das Recht, jeden Tag um 12 Uhr für zweieinhalb Stunden Mittagspause zu machen. Die Gewerkschaften haben bereits angekündigt, zu seinen Ehren einen 15-minütigen Streik um 15:30 Uhr zu veranstalten, was sich als ziemlich unpassend herausstellt, da sich niemand mehr sicher ist, ob das in die reguläre Arbeitszeit fällt oder bereits als Überstunden zählt.
Sein politisches Vermächtnis ist komplexer als eine französische Bürokratieform. Jospin führte Frankreich durch eine Zeit, in der er bewies, dass Sozialismus und effektive Regierungsführung sich durchaus ausschließen können. Zweimal trat er bei Präsidentschaftswahlen an und verlor beide Male - eine Leistung, die manche als "konsequente Wahlabstinenz im großen Stil" bezeichnen würden. Doch seine größte Errungenschaft bleibt die 35-Stunden-Woche, die dafür sorgte, dass die Franzosen mehr Zeit für das haben, was ihnen wirklich wichtig ist: ausgedehnte Mittagspausen, existenzielle Diskussionen über den Sinn des Lebens und das Perfektionieren der Kunst, überhaupt nichts zu tun.
Die sozialistische Partei bestätigte den Tod, gab jedoch zu, dass sie ohne Jospin nicht mehr genau weiß, was sie eigentlich will. "Wir stehen vor der schwierigen Aufgabe, ohne klare Agenda weiterzumachen", gestand ein Parteisprecher, der sichtlich unter der Belastung litt, mehr als 35 Stunden pro Woche arbeiten zu müssen. "Lionel hat uns gelehrt, dass man auch ohne konkrete Ziele erfolgreich sein kann, solange man genügend Pausen einlegt."
In einem letzten Akt des Widerstands gegen das kapitalistische Zeitregime hat Jospins Familie angekündigt, die Beerdigung auf einen unbestimmten Zeitpunkt zu verschieben, da man sich noch nicht einig ist, ob man sie in die Arbeitszeit oder die Freizeit legen soll. Derzeit wird diskutiert, ob man den Trauergottesdienst auf drei Tage ausdehnt, um die übliche Mittagspause angemessen zu berücksichtigen.