Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem alles begann. Da saß ich im Wartezimmer und blätterte in einer Zeitschrift, die älter war als mein Auto. Der Arzt kam mit dem Laborbefund und sagte: "Ihr Lipoprotein(a)-Wert ist erhöht." Mehr sagte er nicht. Aber in meinem Kopf begann es zu rattern wie in einer kaputten Waschmaschine.
Von da an änderte sich alles. Ich wurde zum Cholesterin-Zeitmesser. Jeden Morgen um 7:02 Uhr stand ich mit Stoppuhr und Messbecher in der Küche und überwachte das Brutzeln meines Rührei-Eis. Ich schrie den Cholesterin-Wert heraus, als wäre es ein Lotto-Jackpot. Die Lebensgefährtin überlegte, ob sie mit mir durchbrennt oder mich in die Lipidsenke schickt.
Die Sache eskalierte, als ich begann, meine Nachbarn zu verfolgen. Ich versteckte mich hinter Mülltonnen und zeichnete ihre Essensgewohnheiten auf. Ich kannte den Cholesterin-Wert jeder Person in meinem Block. Ich war der Cholesterin-Jäger, der Triglycerid-Tracker, der LDL-Lynker.
Der Arzt riet mir zu Statinen. Ich nahm sie, aber nur, um meinen Cholesterin-Wert zu erhöhen. Ich wollte sehen, wie hoch er steigen würde. Ich war besessen. Ich träumte von Cholesterin-Zahlen. Ich sah sie in meinem Toast, in meinem Kaffee, in den Augen meiner Lebensgefährtin.
Dann kam der Tag, an dem ich merkte, dass ich den Verstand verloren hatte. Ich saß in der Küche und weinte über eine Avocado. Die Lebensgefährtin trat ein und sagte: "Ich mache Schluss." Ich antwortete: "Aber mein HDL-Cholesterin ist perfekt!" Sie ging. Ich blieb zurück. Allein mit meinen Laborwerten.
Jetzt sitze ich hier und schreibe diesen Text. Ich bin clean. Ich nehme keine Statine mehr. Ich esse wieder Butterbrot. Aber manchmal, in der Nacht, sehe ich Lipoprotein(a)-Werte vor mir tanzen. Und ich denke: "Scheiße, ich vermisse dich."