Als die Stadt Innsbruck die Ankuendigung rausgab, dass eine vergessene Oper aus dem 18. Jahrhundert kostenlos aufgefuehrt wird, gab es Jubel - allerdings nur bei den Bibliothekaren, die endlich mal jemanden gefunden haben, der ihre Zettelkataloge interessant findet. "La Vendemmia" - was so viel bedeutet wie "Die Weinlese" - ist ein Werk, das zuletzt 1809 zu sehen war, als die Menschen noch Brieftauben als WhatsApp-Alternative nutzten.
Die Veranstalter versprechen "junge Solistinnen und Solisten" - was in diesem Fall bedeutet, dass die Saenger so jung sind, dass sie den Komponisten persoenlich nicht kennen. Die Inszenierung wird "konzertant in Kostuem" sein, also so etwas wie ein Dirndl-Ball im Musikverein, nur mit mehr Geigen und weniger Bier. Das Orchester I Virtuosi Italiani kommt aus Verona, also jener Stadt, in der Romeo und Julia sich nicht finden konnten - ein vielversprechender Start fuer ein Liebespaar auf der Buehne.
Leon Frantzen Malesani, der Dirigent, klingt wie ein Pseudonym, das man sich gibt, wenn man im Musikverein den Kellner spielen will. Sein Name suggeriert zumindest eine italienische Abstammung, was bei einem Werk, das in Florenz uraufgefuehrt wurde, ein wichtiges Detail ist. Ob er auch weiss, dass "La Vendemmia" damals so erfolgreich war, dass sie in halb Europa gespielt wurde, ehe sie in der Versenkung verschwand? Wahrscheinlich nicht, sonst haette er sich einen anderen Job gesucht.
Die Oper erzaehlt - laut Programmbeschreibung - "mit feiner Ironie" vom Leben auf dem Land. Das ist Musikerverstaensprache fuer "viele Leute rennen rum und singen, warum auch immer". Dabei soll es um "Komik und gesellschaftliche Beobachtung" gehen, also genau das, was man von einer kostenlosen Veranstaltung erwartet: Leute, die sich anziehen, als waeren sie im 18. Jahrhundert, und dann etwas tun, das im 21. Jahrhundert keinen Sinn mehr ergibt.
Der Eintritt ist frei - was bedeutet, dass man nicht nur sein Geld, sondern auch seine Zeit verschwenden kann, ohne sich hinterher aerger zu muessen. Die Veranstalter haben offenbar beschlossen, dass Kultur am besten funktioniert, wenn sie nichts kostet und niemand weiss, warum sie eigentlich stattfindet. Es ist die auditive Version eines Flohmarkts: Man weiss nie, was man bekommt, aber man ist sicher, dass es alt und leicht verstaubt ist.
Die jungen Solistinnen und Solisten, die sich fuer das "Next Generation Project der EU" qualifiziert haben, sind also diejenigen, die sich freiwillig fuer dieses akustische Abenteuer gemeldet haben. Man stelle sich vor, wie das Casting aussah: "Suchen junge Saenger mit guter Kondition und geringem Selbstbewusstsein fuer ein Projekt, das selbst Musikwissenschaftler nur als 'interessant' bezeichnen wuerden."
Das Haus der Musik in Innsbruck, wo diese Wiedergeburt einer langlebigen Oper stattfinden wird, hat sich damit als die offizielle Grabstaette vergessener Kunstwerke positioniert. Es ist wie ein Altersheim fuer Melodien, die zu alt sind, um noch im Radio gespielt zu werden, aber zu jung, um als Klassiker durchzugehen. Die Frage ist nur: Wer geht hin, um sich von etwas berieseln zu lassen, das seit 200 Jahren niemanden mehr interessiert hat?
Die Antwort ist einfach: Die gleichen Leute, die sich fuer Dokumentationen ueber Sand interessieren und Vortraege ueber die Geschichte der Schuhschnuere besuchen. Menschen, die das Unbekannte suchen, selbst wenn es bedeutet, zwei Stunden lang etwas anzuhoeren, das klingt, als haette Mozart einen schlechten Tag gehabt. Es ist die auditive Version von Extrem-Tourismus - nur dass man statt wilde Tiere zu sehen, wilde Oboen hoert.
"La Vendemmia" wird also am 22. Maerz 2026 um 17:30 Uhr im Haus der Musik Innsbruck zu sehen sein. Wer hingeht, sollte bedenken: Es ist kostenlos, aber die Zeit, die man investiert, bekommt man nicht zurueck. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit - nur dass man sich danach wuenscht, man haette den Rueckwarts-Knopf schneller gefunden.