Das Rittergut in Hartberg kennt man normalerweise als Kulisse für biedere Hochzeiten und standesgemäße Geburtstagsfeste. Doch als sich die Nachricht verbreitete, dass Vea Kaiser dort aus ihrem neuesten Roman lesen würde, verwandelte sich der alte Rittersaal in einen Zirkus der Selbstinszenierung.
Als die Autorin den Raum betrat, hätte man meinen können, der Papst wäre in die Puszta eingezogen. Blitzlichtgewitter, Hände mit Smartphones, eine ältere Dame versuchte sogar, mit ihrem Tablet ein brauchbares Bild zu erhaschen. Kaiser, die an das mediale Gebrüll in Wien gewöhnt ist, blieb zumindest äußerlich gelassen. "Na, da ist ja die ganze steirische Fotografenvereinigung zugegen", bemerkte sie trocken, während sie versuchte, ihre Lesung zu beginnen.
Doch die Begeisterung der Anwesenden kannte keine Grenzen. Kaum hatte Kaiser den ersten Satz vorgetragen, ertönte schon wieder das vertraute Klicken und Surren. Ein Herr mit Lederhutfederung stand plötzlich auf seinem Stuhl, um einen besseren Blickwinkel zu haben. Seine Frau hielt ihm den Rücken frei, damit er nicht umkippte. Die Tochter dokumentierte das Spektakel mit einer Polaroidkamera - für die Enkel, wie sie betonte.
Die Veranstalterin, eine resolute Dame in einem pompösen Dirndl, versuchte mit mäßigem Erfolg, Ordnung in das Chaos zu bringen. "Bitte, meine Damen und Herren, die Dame liest!" Doch das half nur kurz. Kaum hatte Kaiser den nächsten Absatz erreicht, wurde wieder wild geknipst. Diesmal filmte sogar der Bürgermeister heimlich mit seinem Handy, wohl um der Heimatzeitung ein exklusives Video liefern zu können.
Kaiser überlegte, ob sie nicht einfach ihr Buch zuklappen und gehen sollte. Doch dann hätte sie ja zugeben müssen, dass sie von der steirischen Fotowut eingeschüchtert war. Stattdessen begann sie, in Zeitlupe vorzulesen, mit Pausen an jeder unpassenden Stelle. Das verwirrte die Fotografen so sehr, dass sie fast vergaßen, weiter zu knipsen. Fast.
Als Kaiser nach zweieinhalb Stunden endlich fertig war, erhob sich tosender Applaus. Doch anstatt die Autorin zu feiern, klatschten die Anwesenden sich selbst Beifall. Sie hatten es geschafft, ein literarisches Ereignis in eine persönliche Erinnerungssammlung zu verwandeln. Kaiser verließ den Rittersaal mit dem festen Vorsatz, ihre nächste Lesung in einem Bunker abzuhalten - ohne Fenster, ohne Blitzlicht, ohne Erinnerungsfotos. Nur ein Buch und eine Stimme. Das wäre wirklich etwas Neues in der steirischen Provinz.