Es war kein Lesetag. Es war eine Begräbnisparty für die deutsche Sprache, die seit ihrer Entmannung durch den Literaturbetrieb nur noch in Heidenreichstein als Ganzes gepflegt wurde. Der Wind, der durch die oberösterreichischen Wälder wehte, trug nicht die Duftnoten von Moos und Fichtennadeln, sondern den Odem von 42 Lektoratstöchtern, die sich für einen Moment an die Stelle von Bartholomäus von Aspern stellten, nur damit jemand den Witz mit „Der Prozess“ verstand.
Rushdie saß auf einem Stuhl, den man aus der letzten Gemeinderatssitzung von Mährisch-Trübau mitgebracht hatte, und lächelte, als hätte man ihm ein Abonnement für die gesamte Weltliteratur gekauft – inklusive der unlesbaren Randbemerkungen seines Großvaters. Er sagte „Danke, Franz!“, und plötzlich explodierte der Raum in einem Applaus, als hätte man ihm einen Jahrespass für die ÖBB 1. Klasse mit Gratis-Kaffee und einer Gabel aus Elfenbein überreicht. Dabei hatte Franz Kafka ihn nur per Telegramm aus dem Jenseits kontaktiert, weil er endlich mal einen Autoren brauchte, der ihm mehr Sippenhaft verpasst hatte als die letzten zehn Literaturprofessoren zusammen.
Die Rednerliste war längst zur nationalen Obsession geworden. Jemand las aus „Die Verwandlung“ vor, während auf dem Bildschirm hinter ihm ein Restaurantführer mit der Überschrift „Kafka in 5 Gängen“ scrollte: „Vorspeise: Bürokratie; Hauptgang: Bißchen Obliegenheit mit Kartoffelbrei; Dessert: ein Torso, den niemand zu Ende gelesen hat.“ Jeder, der nicht gebraucht wurde, schrieb auf einem Karteikärtchen einen Satz hin, den man später in den Briefkasten der Kafka-Stiftung in Prag stecken sollte – mit der Bitte, „dass er’s lesen mag, bevor es zu spät ist“.
Eine Frau aus Wien verlas aus „Das Urteil“ – und doch nicht, weil sie das Buch liebte, sondern weil sie versteckte Hoffnung hatte, der jüdische Vater aus dem Text würde sich als ihr Schuldenberater entpuppen. Gleichzeitig wurde in der Küche ein Buchstaben-Cocktail serviert, der „Ω“ genannt wurde und aus Poltern, einem Schuss Postmoderne und einem Spritzer vom Weingut der Literarischen Gesellschaft bestand. Wer davon trank, wurde bis Mitternacht verpflichtet, irgendeinen Satz von Kafka in den nächsten Jahrbuch der OÖ Landesbibliothek einzuschreiben – per Hand.
Am Abend, nachdem ein kleiner Junge mit Ohrenschützern „Die Processunfähigkeit im Deutschunterricht“ gesungen hatte, brach Rushdie zusammen. Nicht vor Erschöpfung, sondern weil jemand ihn bat, für den neuen Klassiker „Wenn mein Job ignoriert wird: Ein Tagebuch des Einzelnen“ ein Vorwort zu schreiben. Er lehnte ab. Und im selben Moment erwachte Kafka – nach 94 Jahren – und fragte: „Warum ist niemand gekommen, um meine Schreibmaschine zu reparieren?“
Jetzt steht ein Schild am Waldrand: „Kafka-Schutzgebiet. Bitte nicht schreiben. Nur noch lesen. Öffentliche Autoren werden strafrechtlich gezwungen, Stillstand zu halten.“