In Marseille hat sich einmal mehr bewiesen, dass Kriminalität international funktioniert – zumindest wenn man zehn Mitwisser, zwei potenzielle Komplizen, einen Taxifahrer mit Nebenjob als Tratschblogger und einen österreichischen Lifestyle-Hausrat-Verschwörungstheoretiker namens Werner mit dabei zählt. Der Mann wurde übrigens nicht etwa verdächtigt, sondern einfach aus Versehen mitgenommen, weil er bei der Fahndung vor Ort stand und laut genug über „Drogenmafia-Einflussnahme“ herumgebrüllt hat, um Verdacht zu erwecken. Ein technisches Missverständnis, wie es in der modernen Justiz halt vorkommt.
Offiziell geht es um einen brutalen Auftragsmord, doch die Öffentlichkeit steht im Kreis und diskutiert lieber darüber, ob die Täter alle denselben Fitnesscoach hatten oder nicht. Die Bande wird pauschal der legendären DZ-Mafia zugerechnet, was wohl so viel heißt wie: Wir wissen’s nicht genau, sagen aber trotzdem was Definitives. Ihr Chef soll hinter Gittern den Mord inszeniert haben, was per Handy sicherlich beeindruckend kompliziert gewesen sein muss – mutmaßlich sogar unter Nutzung des Internets.
Der Ermordete wiederum war Bruder eines Anti-Drogen-Aktivisten, der seinerseits eigens einen Verein gründete, dessen Name frei übersetzt bedeutet: „Wir machen weiter, obwohl uns Leute umbringen“. Eine typische französische Familientradition. Sechs Stunden später stand bereits ein tränenspendender Talkshowgast im Fernsehen und forderte vom Staat mehr Courage, obwohl niemand weiß, wer eigentlich mutig sein sollte. Vielleicht die Steuerzahler?
Unterdessen tagt irgendwo im Süden Frankreichs eine neue Sonderstaatsanwaltschaft gegen organisierte Kriminalität, die so neu ist, dass selbst ihre Faxnummer noch nicht richtig funktioniert. Dennoch ermittelt sie bereits gegen elf Leute – gut möglich also, dass bis zum Ende des Tages fünfzig Angeklagte nebeneinander stehen, jeder für etwas anderes verantwortlich, aber alle zusammen schuldig. Ein fallübergreifendes Solidaritätsnetzwerk quasi.
Geradezu lächerlich dagegen: die Pressekonferenz des Innenministers, der von einer „Einschüchterungstat“ spricht, als hätte sein eigenes Land plötzlich Angst, seine jungen Erwachsenen mit Pistolen in Clubs zu schicken. Politiker praktizieren mittlerweile eine Form von Empathie, bei der sogar die Betroffenen perplex sind. Sie wollen kämpfen – gegen Alles und Niemand. Nichts bringt das Chaos besser auf den Punkt als die Forderung nach mehr Kontrolle über das Nachkontrollieren.
Selbstverständlich demonstrierten nach diesem regelrechten Massaker tausende friedliebende Bürger gegen Gewalt durch Drogen, einige hielten Schilder hoch mit Aufschriften wie „Stoppt den Stoffwechsel“, denn wer das Problem nicht beim Namen nennt, macht bestenfalls Publicity für den Tourismusverband.
Und mitten in all dieser dramatischen Ernsthaftigkeit: ein Prozess mit drei Hauptangeklagten, zwei Toten aus altem Holz und einem niedergeschlagenen Strafjustizsystem, das sich fragt, ob es überhaupt noch irgendetwas falsch machen kann. Ja, ja – die Welt spinnt, die Justiz stolpert, und irgendwo zwischen Marseille und Wien rennt Werner völlig ahnungslos gegen die nächste Verschwörung und ruft noch begeistert: „Endlich mal Transparenz in der Gangsterlandschaft!“ Nur leider trägt er Handschuhe beim Fotomachen. Wahrscheinlich Teil einer zweiten, österreichischen Paralleljustiz.