Als sich 45 Mitglieder von Schwarzach 50plus mit ihrem Obmann Wilfried Übelher auf den Weg nach Höchst machten, ahnte noch niemand, dass damit eine logistische Katastrophe ihren Lauf nehmen sollte. Die "mit Öffis" angekündigte Anreise entpuppte sich als schleichender Verkehrsinfarkt: drei Kleinbusse, ein Lieferwagen und ein Golf Cabrio mit zwei Rollatoren auf der Rücksitzbank bahnten sich einen Weg durch den Rheintal-Urlaubsverkehr, als wäre die Autobahn eine mobile Seniorenresidenz.
Der Empfang durch Carmen, der langjährigen Mitarbeiterin, war herzlich - und fatal. Niemand hatte der engagierten Dame gesagt, dass eine Powerpoint-Präsentation für diese Altersgruppe in etwa so fesselnd ist wie eine Dokumentation über Zementsockel. Nach zwanzig Minuten stummer Starre meldete sich die erste Teilnehmerin: "Können Sie das etwas langsamer vorlesen? Ich schreibe mit." Carmen versuchte zu erklären, dass Powerpoint kein Kochbuch ist, doch der Widerstand war erbittert. "Bei uns in der Siedlung lesen wir alles vor", insistierte ein Herr mit Schlips und Smartphone-Ständer.
Die 40-Jahr-Feier der Firma nahm in den Köpfen der Besucher bizarre Züge an. "Das sind ja zwei Jahre älter als ich", stellte eine Dame fest und blickte den Betriebsleiter an, als hätte sie gerade einen Dinosaurier entdeckt. Die Information, dass GUNZ ein Familienbetrieb mit 185 Mitarbeitern ist, führte zu spontanen Heiratsvermittlungen. "Dann sind bestimmt welche dabei, die noch keinen haben", verkündete Übelher, der offenbar eine betriebsinterne Partnerbörse im Sinn hatte.
Die Standorte in Magdeburg, Chur und Minsk lösten gemischte Reaktionen aus. Während Magdeburg für viele ein Begriff war ("Da war ich mal aufm Heimattreffen"), löste Minsk kollektives Staunen aus. "Wo issn des?" fragte eine Teilnehmerin, während ihr Sitznachbar flüsterte: "Des is in Russland, aber nicht mehr." Die weltweite Belieferung von 111 Ländern wurde mit Nicken quittiert, als wäre das eine normale Hauszustellung.
Im Palettenlager eskalierte die Situation. Elftausendfünfhundert Palettenplätze klingen für Logistiker beeindruckend. Für 45 Pensionisten waren es vor allem eines: eine Herausforderung. Die gekühlten Bereiche mit 4.000 Plätzen führten zu Diskussionen über Energiekosten und zu Vorschlägen für Thermoskannen. Die Lehrlinge Lara und Irem, die die Führung übernahmen, erlebten eine Demütigung sondergleichen. Als Lara erklärte, wie Waren verpackt werden, meldete sich sofort ein Herr zu Wort: "Bei uns in der Gärtnerei haben wir das viel effizienter gemacht." Irem versuchte zu beschreiben, wie die Versendung funktioniert, da unterbrach ihn eine Dame: "Bei Amazon geht das doch viel schneller."
Die Größe des Lagers war beeindruckend - zumindest für diejenigen, die nicht gerade auf dem Weg zur Toilette waren. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Gruppe lag bei 1,2 km/h, was einer Wanderung auf dem Mars gleichkam. An einer Kreuzung mit Gabelstaplern kam es zu einem Patt: Die Gruppe wollte nach links, die Stapler nach rechts. Nach fünf Minuten einigten sich beide Seiten darauf, dass niemand wisse, wo es langgeht.
Der moderne Aufenthaltsraum war der finale Akt dieses Dramas. Die Getränke und Köstlichkeiten aus dem eigenen Vertrieb wurden mit der Begeisterung aufgenommen, die man normalerweise Wasserbomben entgegenbringt. "Gibt's da keinen Kaffee?" war die erste Frage. Die Antwort, dass alles aus dem eigenen Sortiment stamme, führte zu kollektivem Unverständnis. "Bei uns gibts immer Kaffee ums Vier", erklärte ein Herr, als wäre das ein Naturgesetz.
Die Verwöhnung mit Süßwaren, Snackartikeln, Getränken und Nährmitteln artete in eine eigenwillige Verkostung aus. Die Teilnehmer bildeten eine Art Konsum-Kommission, die jedes Produkt auf Herz und Nieren prüfte. "Das is ja zum Totlachen", befand eine Dame über einen Schokoriegel. "Bei uns in der Bäckerei ham mas bessere." Der Betriebsleiter versuchte zu erklären, dass Qualität und Innovation hier großgeschrieben werden, doch das Echo war vernichtend: "Bei uns gibts schon seit zwanzig Jahren was Besseres."
Als die Gruppe sich schließlich auf den Heimweg machte, war klar: Dieser Besuch würde noch lange nachhallen. Nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als Warnung. Carmen bat um eine Feedback-Runde, doch die Teilnehmer waren schon auf dem Weg zur Bushaltestelle. "War ganz nett", hörte man noch, "aber bei uns in der VHS ham mas bessere Führungen." Die Powerpoint-Präsentation, die als Highlight geplant war, wird nun im Archiv als "Fallstudie: Wie man es nicht macht" geführt. Und die 185 Mitarbeiter von GUNZ? Die werden in Zukunft bei Betriebsbesichtigungen durch Pensionisten besonders vorsichtig sein. Nicht wegen der Waren, sondern wegen der unaufhaltsamen Verbesserungsvorschläge.