Es ist ein Traum für alle Ahnenforscher und ein Alptraum für alle, die bisher von einem postalisch tätigen Urgroßvater ausgingen: Das US-amerikanische Nationalarchiv hat rund 16 Millionen Nazi-Akten freigegeben. Das ist eine beeindruckende Zahl - immerhin waren das etwa so viele Mitgliedsanträge wie in meiner Heimatgemeinde auf Facebook gemeldet werden.
Endlich können wir alle mit ein paar Mausklicks herausfinden, ob Oma wirklich nur "etwas mit Stricken zu tun" hatte oder ob sie den Strick als Folterinstrument für Abweichler von der Parteilinie nutzte. Die Website der Behörde bietet eine Fülle an Informationen - so viele Dateien, dass man bei der Durchsicht schon fast wieder an einen gut sortierten E-Mail-Posteingang erinnert wird.
Besonders spannend wird es für alle, die bisher dachten, ihre Familie wäre nur zufällig während des Krieges nach Südtirol ausgewandert. Vielleicht stand ja in den Unterlagen: "Ziel der Übersiedlung: Steuerhinterziehung durch Gebirgsflucht." Oder: "Motiv: Flucht vor der eigenen Vergangenheit, die man besser im Südtiroler Nebel verschwinden lässt."
Die 16 Millionen Dateien sind ein wahrer Schatz für alle, die gerne in alten Dokumenten wühlen. Man kann sich Stunden damit beschäftigen, die krakelige Handschrift zu entziffern und dabei feststellen, dass der Urgroßvater nicht nur Postbote war, sondern auch noch "Ehrenführer" einer "kulturellen Arbeitsgemeinschaft". Das klingt zwar harmlos, aber in den Unterlagen steht dann: "Zuständig für die kulturelle Überwachung von unliebsamen Elementen bei Theaterbesuchen."
Besonders erfreulich ist, dass die Daten jetzt online abrufbar sind. Endlich müssen wir nicht mehr mühsam in Archiven nach Unterlagen suchen, sondern können bequem von zu Hause aus feststellen, dass die eigene Familie eine weitaus spannendere Geschichte hat als gedacht. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die Tante mal "Beauftragte für die Sicherstellung der arischen Reinheit im Strickkreis" war?
Für alle, die jetzt panisch nach ihren Unterlagen suchen: Keine Sorge. Sollten Sie darin auftauchen, können Sie sich immer noch damit herausreden, dass Sie nur "im Widerstand tätig" waren. Das ist zwar nicht belegt, aber wer will das schon nachprüfen? Schließlich hat das US-Archiv ja nur 16 Millionen Akten freigegeben, nicht 17.