Es ist 8 Uhr morgens in der HLW Hollabrunn, und die 1BHL-Klasse sieht aus, als hätte man ihr gerade den Stoffwechsel abgeschnürt. Neun Tage sind vergangen, seitdem die letzte Dosis Social Media durch die Venen gepumpt wurde. Die Augen der Schülerinnen und Schüler wirken leer, ihre Hände zittern leicht, während sie versuchen, den Drang nach einem Like, einem Herzchen oder zumindest einem erbärmlichen Push-Benachrichtigung zu unterdrücken.
"Klassenvorständin Gold hat uns die Wahl gelassen", flüstert eine Schülerin, deren Daumen unkontrolliert zuckt, als wolle er sich selbst auf Instagram einloggen. "Entweder wir machen mit beim '21 Tage ohne Smartphone'-Projekt, oder wir werden zur Kontrollgruppe erklärt und müssen uns wöchentlich auf Social-Media-Abhängigkeit testen lassen."
Die Kontrollgruppe, eine Handvoll hartgesottener Digital Natives, sitzt abseits in der hintersten Reihe. Ihre Handys leuchten ununterbrochen, ein schillerndes Mahnmal für all jene, die den kalten Entzug gewagt haben. "Die sind wie Junkies", murmelt eine Teilnehmerin des Entzugs. "Die brauchen ihren täglichen Schuss Dopamin."
Klassenvorständin Gold überwacht die Situation mit mitleidigem Blick. Sie weiß, wovon sie redet. Vor zwei Jahren hat sie selbst einen dreiwöchigen Entzug durchgemacht, nachdem sie beim Korrigieren von Arbeiten versehentlich 47 Mal Instagram geöffnet hatte. "Es ist wie bei Kettenrauchern", erklärt sie. "Die ersten drei Tage sind die Hölle, danach wird es langsam besser. Bis zum 14. Tag hinein fühlt man sich wie ein Einsiedler, der in einer Höhle lebt und nicht weiß, was in der Welt passiert."
Um die Zeit totzuschlagen, hat die Klasse begonnen, analoge Spiele zu spielen. "Uno" sei der Favorit, verrät ein Schüler, der seine Abhängigkeit hinter einer dünnen Schicht Sarkasmus zu verstecken versucht. "Es ist wie Poker, nur dass man statt Geld bunte Karten einsetzt und statt bluffen 'UNO' brüllt, wenn man nur noch eine Karte hat."
Die Schule überlegt bereits, das Projekt auf das gesamte Schuljahr auszuweiten. "Wir denken über einen digitalen Entzug von September bis Juni nach", verrät der Direktor. "Die Kinder sollen wieder lernen, was es bedeutet, ein Buch von vorne bis hinten zu lesen, ohne zwischendurch Netflix zu schauen oder sich TikTok-Videos reinzuziehen."
Ob das Experiment erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist nur eins: Wenn die 21 Tage vorbei sind, wird die 1BHL-Klasse wohl das wilde Fest des Jahres feiern – mit dem Unterschied, dass sie nicht in eine Disko gehen wird, sondern in die nächste Handyshop-Filiale, um ihre Dosis Digitale Realität zurückzukaufen.