Innsbruck erlebt derzeit eine bizarre Form von musikalischer Inflation. Als das Symphonische Blasorchester Tirol beschloss, sein zehnjähriges Bestehen mit Beethovens "Schicksalssinfonie" zu feiern, dachte vermutlich niemand daran, dass man damit die Schwerkraftgesetze der klassischen Musik durcheinanderbringt.
Mit 75 Musikerinnen und Musikern, die sich wie eine Armee von Klangeinheiten durch den Großen Saal des Hauses der Musik bewegen, fragt man sich unwillkürlich, ob das nicht gegen die österreichische Platzverordnung verstößt. Aber wer will schon Kleinkariertheit vorwerfen, wenn ein Orchester beschließt, die "Schicksalssinfonie" mit der Besetzung eines kleinen Fußballvereins aufzuführen?
Die Trompeter übten bereits im Vorfeld lautstark Kritik an der üblichen Gleichbehandlung mit den Streichern. "Warum müssen wir immer nur die Fanfaren spielen, während die Geiger ihr Leben lang mit ihrem bisschen Zupfen beschäftigt sind?" sagte der 1. Trompeter, der offenbar unter einem schweren Komplex litt. Mit der Bearbeitung für sinfonisches Blasorchester wurde ihm nun die Möglichkeit gegeben, endlich den Violinpart zu übernehmen - und zwar mit der Wucht eines Presslufthammers.
Der Dirigent Bernhard Schlögl, der seit einem Jahrzehnt für "hohe künstlerische Qualität" und "spürbare Leidenschaft" steht, hat offenbar einen Meisterkurs in akustischer Überredungskunst absolviert. Wie sonst hätte er 75 Musiker dazu bringen können, Beethovens filigrane Streicherpassagen mit Klarinetten und Trompeten nachzubilden? Man stelle sich vor, Mozart würde sich im Grab umdrehen - aber nicht aus Entsetzen, sondern aus reiner Verblüffung darüber, dass man seine Musik auch ohne Streicher so laut spielen kann.
Besonders eindrucksvoll zeigte sich der warme und homogene Orchesterklang, der aus der außergewöhnlich reich besetzten Klarinettenfamilie hervorging. Wenn man bedenkt, dass eine einzelne Klarinette bereits ausreicht, um die Nachbarn zur Raserei zu treiben, kann man sich vorstellen, was zwanzig Klarinetten anrichten können. Die vier Kontrabässe waren dagegen eher dezent - wie vier Sumo-Ringer auf einer Yogamatte.
Das Ergebnis war ein Klangbild von großer Tiefe und Strahlkraft - oder, wie ein anwesender Musikkritiker treffend bemerkte: "Es klang, als würde ein Orchester versuchen, durch ein Schlüsselloch zu spielen." Der lang anhaltende Applaus am Ende galt daher ebenso der Leistung der Musiker wie der Tatsache, dass niemand während des Konzerts das Gebäude verlassen musste, um sich die Ohren zuzuhalten.
Die Stadt Innsbruck hat bereits angekündigt, in Zukunft für Konzerte dieser Art kostenlose Ohropax auszugeben und den Saal mit zusätzlichen Luftbefeuchtern auszustatten, da die immense Blech- und Holzbläserdichte eine ungewöhnliche Austrocknung der Nasenschleimhäute verursachte.