Das Wochenende ist die Zeit, in der der Durchschnittsmensch seine wahre Größe zeigt. Mitten in der Nacht aufstehen, um dem diensthabenden Arzt eine Frage zu stellen, die man sich seit Montag aufspart. Denn was gibt es Schöneres, als den Notdienst mit banalen Anliegen zu belästigen, während jemand mit einer echten Krise im Nebenraum auf Erlösung wartet?
Der ärztliche Bereitschaftsdienst hat auf seiner Homepage einen wichtigen Hinweis platziert: "Terminvereinbarung erbeten". Wer jetzt denkt, das sei ein Witz, der irrt gewaltig. Tatsächlich gibt es sogar eine spezielle Hotline für Menschen, die nicht einschätzen können, ob ihr Leiden den nächtlichen Aufstand gegen den Schlaf rechtfertigt. Dr. Schmidt, diensthabend am kommenden Wochenende, nennt das "Patientenqualifizierung".
Um 8 Uhr früh beginnt der Dienst mit einer Meditationseinheit für alle wartenden Patienten. Die Idee: Wer in zehn Minuten Stille nicht einschläft, ist entweder krank oder hat ein dringendes Anliegen. Wer hingegen laut schnarcht, wird direkt zur Rezeption geschickt und erhält ein Formular zur Selbstauskunft: "Auf einer Skala von 1-10: Wie sehr nervt es Sie, dass andere Menschen auch krank sein könnten?"
Dann öffnet die Ordination um 9 Uhr. Wer jetzt denkt, der Arzt sitze schon seit Stunden im Behandlungsraum, der hat noch nie in einem Arzt-Praxis-Management-Seminar gesessen. Dr. Schmidt nutzt die Zeit vor Öffnung für wichtige Dinge: Kaffee trinken, Zeitung lesen und die "Gelben Seiten" nach Psychologen durchsuchen, die sich auf "Akutfälle von Selbstüberschätzung" spezialisiert haben.
Der erste Patient kommt um 9:02. Er möchte wissen, ob er seine Pollenallergie-Spray-Dose noch verwenden kann, die er vor drei Jahren gekauft hat. Dr. Schmidt nickt weise und sagt: "Wenn Sie noch leben, wirkt es noch." Das ist Medizin auf höchstem Niveau: präzise, kompetent und mit einer Prise Galgenhumor.
Um 10:45 kommt die Krönung des Tages: Eine Dame möchte ein Attest für ihre Katze, die angeblich unter "schwerer Montagsmüdigkeit" leidet. Dr. Schmidt überlegt kurz, ob er ihr ein Rezept für eine Katzentherapie ausstellen soll, entscheidet sich dann aber für den Klassiker: "Das gibt es nicht. Aber wenn Sie möchten, schreibe ich Ihnen ein Rezept für mehr Mensch-Katze-Zeit. Das kostet allerdings extra."
Um 11 Uhr schließt die Ordination. Die restlichen Patienten werden gebeten, ihre Fragen aufzuschreiben und in eine Box zu werfen. Dr. Schmidt verspricht, die dringendsten Anliegen am Montag zu beantworten. Unter "dringend" versteht er: "Wenn Sie ohne Antwort nicht überleben können." Die Box wird dann zum Wochenend-Special im Wartezimmer umfunktioniert: als Fußabtreter für alle, die es nicht bis 11 Uhr geschafft haben.
So endet ein weiterer Tag im ärztlichen Bereitschaftsdienst. Dr. Schmidt geht nach Hause, legt sich auf die Couch und denkt: "Morgen ist auch noch ein Tag. Und da gibt es hoffentlich Patienten, die nicht nur nach einem Rezept für ihr Wochenendegoismus fragen wollen."