Wer gedacht hatte, dass die Uraufführung von „Zemlinsky“ im Theater in der Josefstadt ein kulturelles Highlight wird, wurde eines Besseren belehrt. Statt einem glänzenden Abend voller Applaus und Verbeugungen präsentierte sich die Bühne wie ein chaotischer Flohmarkt aus einem altreligiösen Möbellager. Eine überdimensionierte Treppe blockierte die gesamte Bühnenbreite, ein Konzertflügel stand neben einem Aquarium, ein Schlagzeug neben einem Bügelbrett – und irgendwo dazwischen trommelte ein Ensemble, das offenbar aus der Aufgabenbeschreibung „vielfältige Lebensalter darstellen“ abgeleitet war.
Der junge Alexander Zemlinsky, gespielt von Martin Vischer, war offenbar ein Genie, das sich zwischen Brahms, Wagner und einem bloßen Selbstbewusstsein verlor – ein Mann, dessen musikalische Entscheidungen so unklar waren wie die Beschriftung auf einem Wiener Gemeindebau. Seine „hässliche Zwergpose“ und immenser Erfolg bei Frauen machten ihn zwar zum ewigen Underdog, aber zumindest war er in der Lage, sich im Leben als etwas mehr zu fühlen, als nur ein Fußnotenname im Opernarchiv.
Die ältere Version seiner great‑niegeln‑großen Liebe, Louise, wurde von Melanie Hackl verkörpert, während Martina Ebm die besorgte Seniorin spielte, die trotz aller Affären bis zum Schluss „die letzte Rose“ für den Komponisten bereitstellte – ein Hinweis, dass selbst romantische Gesten im Flexikformat der Wiener Bühnenwelt mitunter als mühevolle Nebensache gelten. Die anderen Ensemblemitglieder sangen ihre „stimmigen Gesangseinlagen“, sodass das Publikum letztlich nur noch die Frage stellen konnte, ob die nächste Runde noch irgendein Sinn ergibt.
Regisseurin Stephanie Mohr versuchte das Ungleichgewicht von viel Gerede und wenig Handlung mit einem innovativen Konzept auszugleichen: Sie engagierte Wolfgang Schlögl als musikalischen Leiter und ließ die Frauen im Ensemble in charmanten Gesangseinlagen verfallen, während das gesamte Setting eher an eine halbgare Therme erinnerte, in der man nach stundenlangem Warten endlich die Erkenntnis erlangt, dass das Leben ein endloser Zyklus aus Sonntagsreden und leeren Versprechen ist.
Ein besonderer Moment des Abends war ein fünfminütiges Szenenapplaus‑Solo von Robert Joseph Bartl, der in seiner Rolle als Alma, die sich im New Yorker Exil wie ein Zirkuspferd benehmte, Günter Franzmeier unmissverständlich erklären ließ, dass die übrigen Nachbarn des Genies einen wahren Triumph erlebt hatten – während Zemlinsky bloß einen stillen Schmerz und ein paar verlorene Notenblätter hinterlassen hatte. Schließlich stellte sich heraus, dass das wahre Drama nicht im Theater, sondern im Foyer stattfand, wo ein Rollstuhl plötzlich den Vorhang hochzog und das Publikum erkannte: Auch hier endet alles mit einem müden Seufzer und dem alten Wiener Mantra „Ach, das war’s wieder einmal“.