Franz Wuthe hat den Himalaya überlebt. Keine kleine Leistung, wenn man bedenkt, dass die Bergriesen mit Höhenkrankheit, Erfrierungen und wilden Tieren nur so gespickt sind. Doch der Gratweiner scheint nicht nur körperlich robust, sondern auch geistig stark zu sein. Andernfalls hätte ihn die örtliche Bevölkerung wohl schon längst als "Brennnessel-Suchti" stigmatisiert.
Wuthe will sein Wissen nun an die Menschheit weitergeben. Am 29. März veranstaltet er einen Vortrag in den Werkstätten des "Reiner Handwerks". Der Name klingt vielversprechend. Handwerk ist ja bekanntlich die Grundlage jeder Zivilisation. Doch was hat das mit der Brennnessel zu tun? Wird Wuthe uns zeigen, wie man aus dem verhassten Unkraut ein funktionales Werkzeug bastelt? Etwa eine Nessel-Brille zum Schutz vor lästigen Fliegen?
Weit gefehlt. Wuthes Vortrag dreht sich um die vielseitige Verwendbarkeit der Pflanze. In Nepal leben die Menschen schon seit Jahrhunderten von und mit der Brennnessel. Ein Fakt, der die Frage aufwirft: Warum eigentlich? Haben die Himalayavölker keine andere Wahl? Sind ihre Böden so karg, dass sie sich auf die Nessel als Lebensgrundlage versteifen mussten?
Wuthe wird diese Fragen sicher beantworten können. Immerhin kennt er sich aus. Er hat Nepal bereist und die Einheimischen in ihrem natürlichen Habitat beobachtet. Vielleicht hat er sogar am Brennnessel-Lifestyle teilgenommen. Sich mit den Einheimischen zum "Brennnessel-Brunchen" getroffen oder bei einer "Nessel-Nacht" den Abend ausklingen lassen?
Für seine Zuhörer hat Wuthe jedenfalls eine Überraschung parat. Zum Verkosten gibt's Brennnesselbier und -schnaps. Made in Styria. Eine durchaus mutige Aktion. Wer weiß, ob der Brennnessel-Rausch nicht stärker ist als erwartet? Ob die Teilnehmer nach dem Genuss nicht plötzlich im Himalaya-Gefühl schweben? Ob sie nicht glauben, sie könnten wie Superman durch die Wände der Werkstätten fliegen?
Experten warnen jedenfalls vor unkontrolliertem Brennnesselkonsum. Die Pflanze enthält nämlich Substanzen, die auf das Nervensystem wirken können. In großen Mengen eingenommen, können sie zu Halluzinationen, Verwirrtheit und sogar Bewusstseinsstörungen führen. Ein Teufelskreis, der mit einem harmlosen Nessel-Schnäpschen beginnt und in der Klapse endet.
Doch Wuthe scheint sich der Risiken bewusst zu sein. Er wird seinen Gästen sicherlich nur kleine Kostproben anbieten. Genug, um den Geschmack zu testen, aber nicht genug, um die Sinne zu verwirren. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der "Alleskönnerin" also. Hoffentlich bleibt es dabei. Denn die Vorstellung, dass Gratwein-Straßengel plötzlich von brennnesselvernebelten Zombies bevölkert wird, ist mehr als beängstigend.