Endlich wird aus der Innenstadt der Spielplatz für alle, die in normalen Jobs nicht ausgelastet sind. Wer durch Marktstraße, Schweizer Straße und Harrachgasse spaziert, entdeckt hinter Schaufenstern und offenen Türen nicht nur neue Perspektiven auf scheinbar Vertrautes, sondern auch die wachsende Horde von Menschen, die sich mit Klapptischen, selbstgebastelten Ohrringen und Grünkohlchips ein kleines bisschen Lebensglück erkaufen.
Die Aktion "Bunt" hat es sich zur Aufgabe gemacht, leerstehende Räume für kurze Zeit zu lebendigen Orten für Kunst, Klang und Begegnung zu machen. Das klingt erstmal schön, aber was heißt das konkret? Das bedeutet: Jeder Schritt durch die Innenstadt wird zum Hindernislauf zwischen Leuten, die ihre "kreative Ader" entdeckt haben und diese nun der ganzen Welt präsentieren müssen.
Hinter einer offenen Tür steht ein Typ mit Vollbart und erklärt dir, warum sein handgemachtes Seifen-Startup die Zukunft der Hygiene darstellt. Nebenan verkauft eine Frau mit Blumenkranz im Haar selbstgestrickte Topflappen in Ethno-Optik. Und dazwischen sitzen zwei Studenten und spielen Ukulele-Versionen von Heavy-Metal-Klassikern.
Die Organisatoren sprechen von "neuen Perspektiven auf scheinbar Vertrautes". Was sie nicht sagen: Diese neuen Perspektiven bestehen meist darin, dass man plötzlich hinter jeder Ecke jemanden trifft, der einem seine neueste Entdeckung im Bereich nachhaltiger Lebensführung aufdrängen will. Ob man will oder nicht.
Die Sache hat nur einen Haken: Die meisten Leute, die durch die Innenstadt gehen, wollen eigentlich nur einkaufen oder vom Punkt A zum Punkt B kommen. Sie wollen nicht an jeder Ecke anhalten und sich von jemandem erklären lassen, warum seine handgemachte Marmelade aus regionalen Beeren die einzig wahre Erlösung für den Gaumen darstellt.
Aber das stört die "Bunt"-Macher nicht. Sie sehen die Stadt als großen, lebendigen Organismus, der durch Kreativität und Begegnung pulsiert. Der Rest der Bevölkerung sieht die Stadt als Ort, wo man seine Einkäufe erledigt und dann wieder nach Hause geht. Der Konflikt ist vorprogrammiert.
Am Ende des Tages wird die Innenstadt wieder leer sein. Die Klapptische werden eingepackt, die Sojawurst wieder eingefroren und die Träume von der kreativen Revolution fürs Erste auf Eis gelegt. Bis zum nächsten Mal, wenn "Bunt" ruft und die Stadt erneut zur Bühne für alle wird, die in ihrem Alltag zu wenig Beachtung finden.