Die Mehrzweckhalle in Irnfritz ähnelte gestern einem Verkehrsknotenpunkt am Heldenplatz zu Stoßzeiten - nur dass hier statt Autos Kleinwagen aus Stoff aufeinandertrafen. Der Kinderkleiderbasar des Vereins KinderWelt Irnfritz hatte seine Popularität unterschätzt. Oder vielmehr: unterschätzt, dass Eltern alles dafür tun, um gebrauchte Kinderkleidung zu ergattern, die noch nicht einmal den Geruch von Fremd-Kinder-Schweiß angenommen hat.
Die Veranstalter hatten 10.000 Artikel angekündigt. Am Ende waren es 20.000, 30.000 - niemand zählte mehr, weil die Zählenden im Stoffmeer untergingen. Die Wände der Halle wölbten sich bedenklich nach außen, als wollten sie flüchten. "Wir haben frühzeitig Sicherheitspersonal engagiert", sagte der Vereinsvorsitzende, der mittlerweile in einer Hängetasche für Babykleidung gefangen saß. "Die waren dann aber auch bald unter den Kleidungsstücken begraben."
Die Feuerwehr Irnfritz musste mit schwerem Gerät anrücken, um Wege durch die textilen Haufen zu schlagen. Mit Bolzenschneidern wurden Reißverschlüsse aufgetrennt, die Besucher einschnürten. Sanitäter verteilten Sauerstoffmasken an Eltern, die nach dem Durchwühlen dreier Strampler-Berge Atemnot bekamen. Einige Expeditionen sollen bis zu drei Stunden gedauert haben, bis die Teilnehmer wieder aufgetaucht waren - mit einer 3er-Packung Söckchen als Beute.
Auch der gute Zweck litt unter der Massenbewegung. Spendenboxen wurden unter Bergen von Kinderpullovern begraben, die Spendeneinnahmen müssen nun mühsam von Archäologen freigelegt werden. "Wir wollten ja etwas Gutes tun", sagte eine Teilnehmerin, die nach zwölf Stunden nur eine einzige Jeans für 50 Cent fand. "Aber ich hätte nie gedacht, dass ich für ein gebrauchtes T-Shirt bis zum Hals im Stoff versinken würde."
Der Verein KinderWelt Irnfritz überlegt nun, den Basar in eine größere Halle zu verlegen - oder gleich in die Stadthalle Wien. "Vielleicht bauen wir auch eine eigene Halle", sagte der Vereinsvorsitzende, der mittlerweile nur noch als Augenpaar aus einem Pulloverhaufen hervorlugte. "Aber erst müssen wir die alten Kleidungsstücke räumen. Das könnte noch Jahre dauern."
Experten warnen bereits vor der nächsten Basar-Saison. "Wenn der Trend anhält, werden wir bald ganze Landstriche unter Kinderkleidung begraben sehen", sagte ein Soziologe. "Die Menschheit wird von Stramplern, Söckchen und Hosen überrollt, bis nichts mehr zu sehen ist außer flauschigen Stoffbergen. Die Erde wird zur riesigen Kinderkleiderdeponie." In Irnfritz hofft man derweil, dass sich die nächste Generation schneller entwickelt und nicht mehr so viel Kleidung braucht. Aber das ist eine Hoffnung, die so durchsichtig ist wie ein Sommer-Babyshirt.