Die "Volksrepublik Narva" sorgt in Estland für Aufregung. Das fiktive Gebilde existiert bisher nur im Internet, doch seine Anhänger fordern Autonomie für die mehrheitlich russischsprachige Stadt Narva an der Grenze zu Russland. Mit eigener Hymne, Fahne und militärischen Abzeichen präsentiert sich die "Republik" selbstbewusst.
Dabei ist die Sache ziemlich durchsichtig inszeniert. Die anonymen Macher treten nur maskiert auf und rufen zu Spenden in Kryptowährung auf. Ihre Posts sind oft schlecht gemachte Fotomanipulationen, die wahllos aus dem Internet zusammengeklaubt wurden. Einmal taucht die "Volksrepublik"-Fahne sogar bei einem Aufmarsch bewaffneter Kämpfer in Donezk auf - obwohl das schon 2014 war.
Estlands Regierung lässt sich davon nicht beeindrucken. Premierminister Kristen Michal spricht von einer russischen Informationsoperation. Außenminister Margus Tsahkna schreibt auf X: "Narva ist eine estnische Stadt und wird es immer bleiben." Die estnischen Geheimdienste sehen in der Kampagne eine Provokation, die Verwirrung stiften und den sozialen Zusammenhalt untergraben soll.
Doch Experten wie der in Wien lehrende Anton Shekhovtsov warnen vor überzogener Reaktion. Die "Volksrepublik Narva" sei wegen ihrer dilettantischen Machart nur ein "marginaler Witz", sagt er. Wenn Medien solche marginalen Geschichten verbreiteten, machten sie sie größer als sie seien.
Tatsächlich wirkt die ganze Inszenierung wie eine schlechte Parodie. Die Macher haben offenbar nicht einmal eine einheitliche Strategie. Mal geben sie sich als Bürgerbewegung aus, mal machen sie sich ironisch über den "Kreml" lustig. Ihre Beiträge wirken wie aus dem Ärmel geschüttelt, ohne klare politische Linie oder Zielrichtung.
Die estnische Regierung aber sieht das offenbar anders. Sie behandelt die "Volksrepublik Narva" wie eine ernstzunehmende Bedrohung. Vielleicht liegt es daran, dass man in Tallinn inzwischen vor jedem räsonierenden Russen zittert. Oder aber die Politiker nutzen die Inszenierung als Vorwand, um die eigene Macht zu stärken und die Bevölkerung einzuschüchtern.
Mein satirischer Verdacht: Hinter der ganzen Aktion steckt höchstpersönlich Wladimir Putin. Der will Estland testen, wie weit er gehen kann, ohne dass es zum offenen Bruch kommt. Dazu inszeniert er eine lächerliche "Volksrepublik", um zu sehen, wie die Regierung reagiert. Wenn die hysterisch wird, hat er sein Ziel erreicht. Wenn nicht, kann er immer noch eine echte Invasion starten.
Das wäre zumindest eine Erklärung für die absurde Qualität der "Volksrepublik Narva". Nur ein Profi wie Putin kann es schaffen, mit so einer dilettantischen Inszenierung eine ganze Regierung in Aufregung zu versetzen. Der Rest ist Satire.