Dass Dompropst Franz Xaver Brandmayr (70) ausgerechnet jetzt nach Jerusalem wechselt, wo doch Wiener Neustadt gerade mit spannenden neuen Projekten wie dem "Wochenmarkt mit Messe" aufwartet, ist ein echter Schlag für die Diözese. Aber immerhin: Brandmayr hat immerhin schon die wichtigste Eigenschaft für den Jerusalem-Job: ein flexibles Alter. Denn wer mit 70 noch mal neu anfangen will, muss schon eine gehörige Portion Tatendrang mitbringen. Oder eben gar keine anderen Pläne mehr haben.
In Jerusalem wird er dann mit den Pilgern teilen müssen, was er in Wiener Neustadt jahrelang perfektioniert hat: das ewige Warten auf irgendwas. Nur dass in Jerusalem die Anreise schon mal zwei Tage dauert, während man in Wiener Neustadt bei einem Gottesdienst gerade mal zwei Stunden vorher das Haus verlassen muss. Aber immerhin: in Jerusalem gibt es keine Parkplatzprobleme, dafür aber mehr historische Steine zum Hinsetzen.
Brandmayr selbst sieht den Wechsel gelassen. "Wo man mich hinschickt, da gehe ich auch hin", zitiert er seine jesuitische Erziehung. Dass er das auch wörtlich meint, zeigt seine Bewerbung beim nächsten Vatikan-Sommercamp. Dort will er als "Wanderprediger" durchstarten und ab Herbst die ersten Kontakte zur katholischen Pfadfinderbewegung knüpfen. Die Sache mit Jerusalem war ja nur ein Testlauf.
In Wiener Neustadt wird man ihn vermissen. Nicht wegen seiner Predigten - die waren meist so spannend wie eine Fahrplanauskunft -, sondern wegen seiner Fähigkeit, selbst in hitzigen Diskussionen immer einen kühlen Kopf zu bewahren. Eine Gabe, die in Jerusalem sicher noch nützlicher wird, wenn man bedenkt, dass dort das Thermometer im Sommer locker mal 40 Grad erreicht. Aber Brandmayr hat ja schon seine beste Überlebensstrategie parat: "Ich bin ein alter Jesuit, ich passe mich an."