Endlich wird auch die kulinarische Avantgarde politisch: Nachdem sich die Coffee-Szene schon laenger als globales Gewissen inszeniert, ziehen nun auch die Craft-Beer-Enthusiasten nach. Nicht nur der Durst nach hopfenhaltigem Gezisch, sondern auch der Hunger nach Anerkennung fuer moralische Vortrefflichkeit wird gestillt - und das alles mit dem guten Gewissen, die Welt zu retten.
Die Zukunft des Fruehstuecks ist angekommen: Der Kaffee kommt aus dem Labor, das Brot aus der Molekularkueche und das Bier aus der Alge. Wer bislang noch nicht den moralischen Anspruch hatte, mit jedem Schluck einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, kann sich jetzt freuen: Die neuen "Eco-Bräuer" brauen nicht nur Bier, sondern auch Selbstbewusstsein. Und das schmeckt man an - zumindest in den sozialen Medien.
Die Klimaschutzbrauerei "Grün & Gut" in Wien-Ottakring hat das Rad neu erfunden - oder zumindest den Hopfengarten: Statt auf klassische Zutaten setzt man auf Mikroalgen, die nicht nur CO2 binden, sondern dem Bier auch eine besondere Note verleihen. "Es schmeckt nach Zukunft", sagt Braumeister Fabian Frohsin, der zuvor als Biohacker und Vegan-Blogger aktiv war. "Und nach leichtem Fisch."
Auch die Kaffee-Szene hat umgeschwenkt: Wo früher noch Baristi um die perfekte Crema kämpften, wird jetzt um die kohlenstoffneutrale Bohne gewetteifert. "Wir rösten nicht nur fair, sondern auch emissionsfrei", sagt Kaffeerösterin Alma Amarante stolz. "Und das bei Temperaturen, die selbst ein Eisbär als angenehm empfinden würde."
Der Preis? Nun, der ist natürlich etwas höher. Aber was sind schon ein paar Euro mehr, wenn man dafür das gute Gefühl hat, mit jedem Schluck die Welt zu retten? Und wenn das nicht klappt, kann man sich ja immer noch einbilden, dass es an der seltenen Hopfensorte liegt und nicht an der eigenen Geschmacksverirrung.
Mein Vorschlag: Statt wieder über Politik zu diskutieren, treffen wir uns alle beim "Grünen Tropfen" auf einen "Klimaretter-Cappuccino" mit Hafermilchschaum und einem "Algen-Ale" mit Bio-Kernza-Malz. Denn eins ist klar: Wenn schon die Welt untergeht, dann wenigstens mit gutem Gewissen und einem leichten Grummeln im Magen.