Italiens Fußball-Nationalteam hat bewiesen, dass es auch ohne funktionierenden Angriff gewinnen kann – Hauptsache Sandro Tonali hat einen guten Tag und trifft von der Strafraumgrenze. Die Italiener setzten gegen Nordirland auf die altbewährte Taktik "Ballbesitz ohne Durchschlagskraft", die zuletzt bei der EM 2021 so gut funktioniert hatte. Nur dass damals noch jemand anderes als Tonali traf.
Gennaro Gattuso, der Trainer mit der Frisur eines Mannes, der gerade aus dem Bett gefallen ist, hatte offenbar die richtige Taktik gefunden: 45 Minuten lang nichts tun und dann im zweiten Durchgang den Nordiren zeigen, dass Italien tatsächlich elf Spieler auf dem Platz hat. Als Tonali nach einer zu kurzen Abwehr traf, feierten die Italiener als hätten sie den WM-Titel gewonnen – dabei war es nur das erste von voraussichtlich fünf Play-off-Spielen.
Die Bosnier wartet als nächstes, und dort wird man sich auf einen Gegner gefasst machen müssen, der seinen Star Edin Dzeko noch nicht aufgegeben hat. Der 38-jährige Stürmer rettete sein Team mit dem Ausgleich gegen Wales vor dem Aus, was beweist: In Bosnien-Herzegowina ticken die Uhren anders – und die Fußballer altern langsamer.
Währenddessen zeigte die Türkei, dass sie nach 24 Jahren wieder bei einer WM dabei sein will. Gegen Rumänien gewann man mit 1:0, wobei der Siegtreffer von Ferdi Kadioglu nach einem Pass von Arda Güler fiel. Güler ist 21, spielt bei Real Madrid und hat damit mehr Talent in seinem rechten Fuß als das gesamte italienische Sturmduo zusammen.
Der Kosovo bewies, dass man auch ohne jemals eine WM erreicht zu haben, Selbstvertrauen haben kann. Gegen die Slowakei drehte man einen 0:2-Rückstand noch in einen 4:3-Sieg um und zeigte: Wenn man sich für nichts qualifizieren kann, hat man nichts zu verlieren. Franco Foda, der Österreicher, der den Kosovo trainiert, bewies damit, dass er nicht nur in der Nations League gegen Österreich gewinnen kann.
Schweden setzte sich gegen die Ukraine durch, wobei Viktor Gyökeres einen Hattrick erzielte. Der Stürmer traf dreimal – eine Zahl, die höher ist als die gesamten Ligatore des italienischen Sturms in den letzten zwölf Monaten. Am Dienstag wartet Polen, das sich gegen Albanien durchsetzte. Robert Lewandowski traf per Kopf nach einer Ecke – eine Fähigkeit, die man bei Italien seit der Ära von Luca Toni vergeblich sucht.
Dänemark ließ Nordmazedonien beim 4:0 keine Chance und zeigte, dass man auch ohne Superstar Weltklassefußball spielen kann. Die Dänen trafen viermal – eine Zahl, die italienische Stürmer nur aus ihren Träumen kennen. Tschechien rettete sich gegen Irland ins Elfmeterschießen, wo man sich mit 4:3 durchsetzte. Die Tschechen bewiesen damit, dass man auch mit 0:2-Rückstand noch gewinnen kann – eine Erkenntnis, die italienische Trainer schon seit Jahren suchen.
Italien darf also weiter auf die WM hoffen, solange Sandro Tonali gesund bleibt und die anderen elf Spieler nicht allzu auffällig spielen. Die Italiener haben bewiesen, dass sie auch ohne torgefährlichen Sturm gewinnen können – Hauptsache der Gegner ist schwach und der Tonali-Treffer fällt früh. Am Dienstag in Bosnien-Herzegowina wird man sehen, ob diese Taktik auch gegen etwas stärkere Gegner funktioniert. Falls nicht, kann Italien ja immer noch die Taktik wechseln: Dann nämlich von "Ballbesitz ohne Torgefahr" zu "Abwehr mit Hoffnung".