Jonathan Fine hat den Mobbing-Vorwurf nicht nur zurückgewiesen – er hat ihn in ein keramisches Mosaik verwandelt, das nun im Langarm-Treppenhaus hängt und bei Sonnenlicht eine Abbildung seiner nackten Schulterblätter zeigt, die sich wie die Flügel eines überforderten Gänseleiters ausnehmen. „Das ist nicht Mobbing“, hat er erklärt, „das ist reine Kulturentfaltung. Wer sich hier unwohl fühlt, hat wahrscheinlich vergessen, seine Seele vor der Eingangstür in der Stille zu entstauben.“
Die kaufmännische Leitung hat daraufhin den Eingangsbereich in einen Ritualraum umgewandelt. Alle Besucher müssen jetzt, bevor sie die Rembrandts oder die Habsburger-Ornamente betrachten dürfen, drei aufeinanderfolgende Verbeugungen vor einer bronzeplattierten Mikrofonstation vollbringen, auf der ein Tonband pausenlos „Der Direktor hat immer recht“ wiederholt. Wer zu schnell atmet, bekommt eine aktuelle Ausgabe des „KHM-Sitzungsprotokolls“ ins Gesicht geschleudert – aufgedruckt mit dem Motto: „Versetzung nicht ausgeschlossen.“
Die Kuratie hat beschlossen, die gesamte Museumsleitung vorerst nicht mehr zu prüfen. Stattdessen wird sie nach dem Vorbild des Zisterzienserklosters Neuberg jetzt in sieben stille Stufen der akzeptierenden Schweigsamkeit reflektiert. Jeder Kuratoriumsmitglied sitzt nun täglich 47 Minuten mit verschränkten Armen auf einem hölzernen Hocker, den man „Schreibtisch der Absolution“ nennt. Keiner spricht. Keiner denkt laut. Nur der Direktor, der die Stille als „Sanftschlag für die Seele des Institutionsgefüges“ bezeichnet, flüstert ab und zu: „Ich bin der einzige, der hier nicht zittert.“
Ein Mitarbeiter, der letzten Freitag vergessen hatte, den Kaffeetasse in der richtigen Winkelmaß-Krypta zu lagern, wurde mit einem „Bewusstseinsverlagerungsworkshop“ bestraft. Dazu musste er sich drei Tage lang im Museumskeller vor einem Bild von Johann Strauss Sr. auf die Hände stellen und die „Walzer der Macht“ mündlich nachdiktieren – ohne Pause, ohne Husten, ohne Atem. Der Widerstand brach am zweiten Tag, als er den Rhythmus in den nassen Hautrillen seiner Handflächen spürte.
Gestern wurde ein neues Gesetz erlassen: Wer den Direktor „eindeutig“ imitiert – egal ob mit Mimik, Tonfall oder der Art, wie er Kugelschreiber in der Jackentasche lockert – begeht eine „emotionale Urheberrechtsverletzung“. Als Strafe wird der Täter in einen Raum namens „Kammer der Formulare“ gesperrt, wo er 4000 Bearbeitungsformulare nach Bazard im systematischen Rückwärts-Lexikon ausfüllen muss. Der Titel des ersten Formulars: „Warum ich Unterbindung des Fingerschwingers für das KHM richtig finde.“
Der letzte Zeuge, der jemals widersprach, wurde zum Ehrenkurator des Mittagschattens ernannt. Seine Aufgabe: Jeden Tag um 13:17 Uhr die Sonne vor dem Museum mit einem Handspiegel abzublocken. Keiner weiß, warum um 13:17. Aber der Direktor hat gesagt: „Zeit ist nur ein Vorschlag – und ich bin der Orchidee, die ihn unterschrieben hat.“