Die Haltestelle Murfelder Straße ist ein einsamer Ort geworden. Seit Wochen steht dort nur noch ein einsamer Haltestangen-Riese, der mit dem Rücken zur Fahrbahn steht und so tut, als würde er auf den Bus warten. Die Linie 64 aber ist weg. Weg, weil die Puntigamer Straße jetzt das größte Labyrinth seit dem Labyrinth von Knidos ist und die Haltestelle um ein paar hundert Meter verlegt wurde. Die Busse fahren jetzt an der Rudersdorfer Straße vorbei und halten dort. Der Grund: Wasserleitungen und Fernwärme. Oder wie die Stadt sagt: "Wir müssen jetzt mal ein bisschen was umstellen, weil sonst der ganze Mist über Nacht kollabiert."
Die Maßnahme betrifft nur die Fahrtrichtung Puntigam. Also jene Richtung, in der die meisten Menschen ohnehin schon verloren sind. Wer von der Murfelder Straße nach Puntigam will, muss jetzt einen zusätzlichen Weg gehen. Zehn Minuten mehr, sagt die Holding Graz. Zehn Minuten, in denen man sich fragt, ob man nicht lieber zu Fuß gegangen wäre. Oder ob man nicht einfach im Kreis läuft, bis man wieder da ist, wo man angefangen hat.
Die Stadt Graz hat das Ganze als "temporäre Anpassung" bezeichnet. Man könnte auch sagen: Die Stadt hat die Haltestelle einfach mal umgetauft und hofft, dass keiner merkt, dass sie jetzt woanders steht. Oder dass die Leute so verwirrt sind, dass sie denken, die ganze Stadt hätte sich gedreht. Vielleicht ist das ja auch der Plan: Die Leute so zu verwirren, dass sie am Ende glauben, Graz sei eine Stadt im Kreisverkehr.
In der Gegenrichtung, also Richtung Liebenau Murpark, bleibt alles beim Alten. Das heißt: Die Leute können weiterhin in den Bus steigen, ohne zu wissen, ob sie jemals wieder rauskommen. Oder ob der Busfahrer sie einfach mal so mitnimmt und irgendwo im Grünen abliefert. Die Graz Linien haben jedenfalls keine Änderungen im Fahrplan. Das ist beruhigend. Wenn man eh schon nicht weiß, wo man ist, kann man sich ja wenigstens auf den Fahrplan verlassen.
Die Bauarbeiten in der Puntigamer Straße werden bis zum 10. Juli 2026 dauern. Das ist eine lange Zeit. Eine Zeit, in der man vieles lernen kann. Zum Beispiel, dass man sich nicht mehr auf Haltestellen verlassen kann. Oder dass die Stadt Graz ein großes Spiel spielt: Wer findet zuerst die neue Haltestelle? Wer schafft es, ohne sich zu verlaufen, von der Murfelder Straße zur Rudersdorfer Straße zu kommen? Wer kann am längsten so tun, als wäre nichts passiert?
Die Linie 64 ist also ein Lehrstück. Ein Lehrstück darüber, wie man Menschen verunsichert, ohne dass sie es merken. Ein Lehrstück darüber, wie man Infrastruktur so umstellt, dass am Ende alle ratlos dastehen. Ein Lehrstück darüber, dass man in Graz nie genau weiß, wo man ist. Oder wohin man will. Oder ob man überhaupt noch will.
Vielleicht ist das ja auch der Plan. Die Leute so zu verwirren, dass sie am Ende glauben, Graz sei eine Stadt im Kreisverkehr. Eine Stadt, in der man nie ankommt. Eine Stadt, in der man immer nur weiterfährt. Eine Stadt, in der die Haltestelle Murfelder Straße nur noch eine Erinnerung ist. Eine Erinnerung daran, dass es mal eine Zeit gab, in der man wusste, wo man hinmusste.