Zwei Hundertstel fehlten, zwei Hundertstel entschieden – in der Leichtathletik sind das nicht nur Millimeter, das sind ganze Karrieren. Für Lisa Posch war die Hallen-WM in Glasgow das erste internationale Großereignis, bei dem sie nicht als Mehrkämpferin, sondern als reine Sprinterin antrat. Ein fulminantes Comeback also, wäre da nicht dieser eine verflixte Wimpernschlag, der am Ende fehlte.
Doch Posch gibt sich siegesgewiss: Sie habe vor dem Vorlauf einen vollen 40-Meter-Sprint absolviert, um ein Rennen davor zu simulieren. "Normalerweise bin ich beim zweiten Rennen des Tages immer deutlich schneller", meint sie. Gut zu wissen, dass man im Spitzensport mit solchen Methoden arbeitet. Beim nächsten Mal vielleicht einfach zwei Warm-up-Sprints und dann geht es sicher in den Halbfinal.
Auch ihre Teamkollegin Victoria Lindner blieb unter ihren Möglichkeiten. Gegenüber der Weltjahresschnellsten Zaynab Dosso (ITA) kam sie nicht an. "Natürlich wollte ich so eine Zeit wie bei den Staatsmeisterschaften noch einmal reproduzieren", sagte Lindner nach dem Rennen. Sie sprach von einer "semi-guten" Vorstellung. Im Klartext: Vier Hundertstel über der Bestzeit gelten als durchwachsen, drei Hundertstel als mittelprächtig und zwei Hundertstel als befriedigend. Alles darüber ist glasklare Katastrophe.
Dabei war die Niederösterreicherin bis zur Hälfte des Rennens sogar gleichauf mit der Spitze. Doch dann setzten sich die Schnellsten ab, und Lindner blieb als Fünfte unter ihrer persönlichen Bestzeit. Also alles halb so wild? Von wegen! "Nächstes Mal muss es mindestens eine halbe Sekunde schneller gehen", kündigte sie an. Im Leistungssport kennt man eben keine Kompromisse.
Immerhin: Die burgenländische Mittelstreckenläuferin Caroline Bredlinger lief immerhin fast bis an den Aufstieg heran. 0,27 Sekunden fehlten ihr über 800 Meter zum Weiterkommen. Ein Wimpernschlag, ein Hauch, ein Wimpernschlaghauch – aber immerhin kein Wimpernschlaghunderstel wie bei Posch. Da wird sich Bredlinger sicherlich was draus lernen.
Am Sonntag ist noch Hürdensprinterin Karin Strametz im Einsatz. Ob sie es besser macht als ihre Kolleginnen? Die Zeichen stehen nicht schlecht: Immerhin hat sie ja keine 40-Meter-Simulation vorher nötig, sondern läuft von Anfang an mit vollem Risiko durch die Hürden. Vielleicht klappt es ja dann mit der Hundertstelsekunde, die am Ende den Unterschied macht zwischen großer Karriere und mittelprächtigem Saisonverlauf.