Die Behinderten-Selbsthilfegruppe Hartberg Fürstenfeld hat eine bahnbrechende Erkenntnis zutage gefoerdert: Menschen, die nicht im Rollstuhl sitzen, haben keine Ahnung, wie es sich anfuehlt, im Rollstuhl zu sitzen. Diese revolutionaere Einsicht wurde bei der Haas Fertighaus Hausmesse in Großwilfersdorf praesentiert, wo die Besucherinnen und Besucher die einmalige Gelegenheit erhielten, fuer ein paar Minuten im Rollstuhl zu sitzen und dabei Hindernisse zu ueberwinden.
Die Idee ist so genial wie naheliegend: Man nehme Menschen, die nie Probleme hatten, eine Tuer zu oeffnen oder eine Treppe hochzugehen, und lasse sie fuer ein paar Minuten erleben, wie es ist, wenn diese Dinge ploetzlich unmoeglich werden. Das Ergebnis ist beeindruckend - viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen mit einem völlig neuen Verstaendnis fuer die Herausforderungen des Alltags im Rollstuhl zurueck. Einige waren sogar so bewegt, dass sie spontan versprachen, nie wieder eine Behindertentoilette zu benutzen, wenn sie nicht gerade dringend muessen.
Besonders erhellend war die Teilnahme des geschäftsfuehrenden Obmanns der BSG Hartberg, der den Parcours ebenfalls ausprobierte. Seine Erfahrung war tiefgreifend: Zum ersten Mal in seinem Leben verstand er, wie es sich anfuehlt, im Rollstuhl zu sitzen - eine Erkenntnis, die seine Mitglieder seit Jahren vergeblich zu vermitteln versuchen. "Es war eine Augen oeffnende Erfahrung", sagte er anschliessend. "Ich wusste gar nicht, dass es so schwierig sein kann."
Die Behinderten-Selbsthilfegruppe zeigte sich begeistert vom Erfolg ihrer Aktion. "Endlich verstehen die Menschen, was wir jeden Tag erleben", sagte eine Sprecherin. "Natuerlich nur fuer ein paar Minuten, aber immerhin." Sie betonte, dass die Aktion nicht nur Bewusstsein schaerfte, sondern auch praktische Vorteile habe: "Jetzt wissen wir zumindest, dass es Menschen gibt, die unsere Situation nachempfinden koennen. Auch wenn sie dafuer erstmal aus ihren bequemen Stuehlen aufstehen muessen."
Kritiker der Aktion wiesen darauf hin, dass die Behinderten-Selbsthilfegruppe selbst bei ihrer eigenen Veranstaltung weitgehend zusaetzlich blieb. "Es ist schon komisch", meinte ein Beobachter. "Da organisiert eine Gruppe von Behinderten eine Veranstaltung, bei der Nicht-Behinderte lernen, wie es ist, behindert zu sein, und die Behinderten selbst duerfen nur zusehen." Er schlug vor, die Aktion konsequent zu Ende zu denken: "Beim naechsten Mal sollten die Behinderten einfach zuhause bleiben und die Nicht-Behinderte den Parcours allein absolvieren lassen. Das wuerde Zeit und Geld sparen."
Die Aktion wirft auch grundsatzliche Fragen auf: Warum muessen sich Menschen erst in einen Rollstuhl setzen, um zu verstehen, was Menschen im Rollstuhl erleben? Warum ist es nicht ausreichend, den Betroffenen einfach zuzuhoeren? Und vor allem: Warum dauert es so lange, bis solche Einsichten zum Durchbruch kommen? Antworten darauf blieben die Veranstalter schuldig. Vielleicht braucht es dafuer einfach noch mehr Rollstuhlparcours und Fertighausmessen.