Steinakirchen (SPEKTAKEL). Was als gemuetliches Kaffeekränzchen begann, endete als mehrtägige Senioren-Sitzungsorgie mit durchgehendem Marschmusik-Beschallung. Die NÖs Senioren Steinakirchen feierten die Wiederwahl ihres Obmannes Johann Schagerl mit einer Zeremonie, die an die Wahl des Papstes erinnert - nur dass hier statt Rauchzeichen Wanderstöcke aus dem Fenster gereicht wurden.
Die Veranstaltung, die offiziell als "Jahreshauptversammlung" bezeichnet wurde, dauerte ganze drei Tage und Nächte. Auf dem Programm standen neben den üblichen Wanderungen und Radtouren auch eine nächtliche Nachtwanderung mit Taschenlampen und eine stille Andacht vor dem Schagerl-Standbild (eine kleine Statue, die die Mitglieder heimlich vor dem Vereinslokal aufgestellt hatten).
"Wir sind uns einig, dass Johann der Einzige ist, der unsere Wanderwege noch so genau kennt wie damals, als er noch Waldarbeiter war", erklärte Veronika Mittergeber, die neue Vizepräsidentin für Wanderweg-Kartographie. Tatsächlich hat Schagerl ein fast fotografisches Gedächtnis für Steigungen und Wegmarkierungen entwickelt. Kritiker behaupten, er könne die Steigung jeder Straße im Bezirk im Schlaf aufsagen.
Die Volkstanzgruppe absolvierte während der Festwoche 33 Proben und 16 Auftritte, wobei die Mitglieder inzwischen so fit sind, dass sie auch im Schlaf den Walzer tanzen können. "Wir haben überlegt, ob wir nicht eine eigene Senioren-Olympiade veranstalten sollen", so Mittergeber, "mit Disziplinen wie 'Schnellstes Müsli-Essen' und 'Längstes Nickerchen auf der Bank'."
Der Höhepunkt der Versammlung war die feierliche Übergabe des "Goldenen Wanderstocks" an Schagerl. Dabei handelt es sich um einen Spazierstock mit integriertem GPS-Navigator, Bierflaschenöffner und Notfall-Pfeife. "Damit kann er sich nie mehr verlaufen", so ein Vereinsmitglied, "es sei denn, er vergisst den Stock zu Hause."
Kritiker bezeichnen das Vorgehen als "sanfte Diktatur im Wanderdress". "Es ist schon merkwürdig, wenn ein Verein seinen Obmann einstimmig wählt und ihn dann wie einen Monarchen behandelt", so ein anonym bleibender Vereinsaustreter. "Ich habe mich nur angemeldet, um mal rauszukommen, nicht um an einer Senioren-Hofburg teilzunehmen."
Die Veranstaltung endete mit einem großen Festumzug durch Steinakirchen, bei dem Schagerl auf einem eigens umgebauten Rollator durch die Straßen gefahren wurde. Dabei trug er eine Art Wanderkönigskrone aus Wanderkarten und Wanderstöcken. "Das ist der Lohn für jahrelange Treue und Führung", so Mittergeber, "und außerdem hat er ja versprochen, dass wir nächstes Jahr eine Reise nach Kärnten machen."