Liebe Leserinnen und Leser, lassen Sie mich eines klarstellen: Sydney Sweeney ist nicht irgendeine Schauspielerin. Sydney Sweeney ist eine Unternehmerin. Eine Unternehmerin mit Visionen. Und ihre Vision ist offenbar: Jede Frau soll sich in Unterwaesche verwandeln koennen, die mehr kostet als ein Wochenende in Wien.
Die neue Kollektion "Seductress" wurde in einem Theater inszeniert. Warum ein Theater? Weil ein Dessous-Werbespot natuerlich am ehesten mit klassischem Hollywood-Glamour zu vergleichen ist. Ich meine, was haben Marlene Dietrich und ein 89-Dollar-Body aus Spitze schon gemein? Abgesehen davon, dass beide in einem Theater gut aussehen wuerden.
Der Body hat Halterneck, freien Rucks und ein auffaelliges Cut-out im Dekolleté. Fuer 77 Euro bekommt man also quasi ein Oberteil, das schon vorher aussieht, als haette jemand mit der Schere daneben gegriffen. Aber keine Sorge, das ist Absicht. Das ist Design. Das ist Kunst. Das ist... Selbstausdruck durch strategisch platzierte Stofflücken.
Sweeney verkauft nicht nur Unterwaesche, sondern ein Lebensgefuehl. Genau wie Kim Kardashian und Rihanna. Die drei Damen stehen sich also im Grunde genommen im Haertesten umkaempften Markt aller Zeiten gegenueber: dem Markt fuer prominente Frauen, die Unterwaesche verkaufen. Es ist wie der Wilde Westen, nur dass statt Colts Spitzen-BHs im Spiel sind.
Die Strategie ist klar: Man positioniert sich als diejenige, die die Welt am besten versteht. Die Welt der Frauen, die sich in 54 verschiedenen Varianten von Spitzen- und Spitzenlos-Dessous wiederfinden wollen. Die Welt der Frauen, die bereit sind, 89 Dollar fuer einen Body auszugeben, der nach drei Waschen aussieht wie ein zerknittertes Serviertuch.
Aber hey, vielleicht bin ich ja auch nur ein bisschen zu kritisch. Vielleicht ist das ja wirklich die Zukunft der Mode. Vielleicht werden wir in zehn Jahren alle in Unterwaesche durch die Stadt laufen und uns dafuer gegenseitig Beifall klatschen. Weil wir stark sind. Weil wir selbstbestimmt sind. Weil wir... nun ja, weil wir 77 Euro fuer einen Body ausgegeben haben.
Fakt ist: Sydney Sweeney baut ihr Imperium aus. Und wenn dieses Imperium auf Spitzen-Body und strategisch platzierte Cut-outs setzt, dann ist das ihr gutes Recht. Ich wuerde mir nur wuenschen, dass wir in Oesterreich zumindest so mutig waeren, unsere eigene Dessous-Kultur zu etablieren. Etwas Bodenständiges. Etwas Traditionelles. Etwas, das sagt: "Ich bin Oesterreicherin, und ich trage Unterwaesche, die aussieht wie ein Kartoffelsack - aber mit Stil."
Bis es soweit ist, bleibt uns wohl nichts anderes uebrig, als den amerikanischen Vorbildern zuzusegucken. Und vielleicht, ja vielleicht, eines Tages selbstbewusst zu sagen: "Ich trage keinen 89-Dollar-Body. Ich trage das, was ich will. Und wenn das ein Kartoffelsack ist - dann ist das eben so."