Es begann mit einem harmlosen Zahlenrätsel und mündete in einer kollektiven Sinnkrise. Sudoku hatte sich in den vergangenen Wochen wie ein digitales Heuschreckenplag über die Region ausgebreitet. Menschen, die bislang lediglich ihr Kontostand im Kopf behalten konnten, saßen nun stundenlang vor digitalen Gittern und starrten auf Neunerfelder, als wären es Landkarten zum Seelenfrieden.
Doch die anfängliche Begeisterung schlug schnell in zwanghaftes Zocken um. In der Frühstückspension in Axams fand sich unlängst die halbe Gästestammtischrunde damit beschäftigt, die Frühstücksbrötchen nach Sudoku-Regeln zu belegen. "Da muss der Marmeladenfleck diagonal symmetrisch sein", hieß es da, während der Kaffee kalt wurde.
Die Behörden reagierten besorgt. Das Landesstatistikamt veröffentlichte eine Sonderauswertung: Seit der Einführung des Online-Sudokus stiegen die Fehlzeiten wegen "mentaler Überlastung" um 237 Prozent. Zugleich verzeichnete die Arbeitsagentur einen dramatischen Anstieg bei der Nachfrage nach "Sudoku-Coaches" - bezahlten Fachkräften, die anderen dabei helfen sollen, das richtige Kästchen mit der 7 zu finden.
Auch die Wirtschaft reagierte. Eine Möbelfirma aus Kufstein brachte eine "Sudoku-Büro-Serie" heraus: Schreibtische mit eingebautem Zahlenraster und Stühlen, deren Armlehnen sich als Zahlenwürfel umfunktionieren lassen. "Damit bleibt der Kopf auch in der Pause produktiv", sagte der Marketingchef und fügte hinzu, dass der Jahresurlaub nun ausdrücklich als "Sudoku-Sabbatical" bezeichnet wird.
Doch dann kam die Wende. In einem Gemeinderat in Osttirol brachte der Bürgermeister einen Antrag ein, Sudoku zur "verpflichtenden Grundversorgung" zu erklären. "Wer das Rätsel nicht löst, gefährdet die geistige Gesundheit der Allgemeinheit", argumentierte er und forderte ein Sudoku-Kompetenzzentrum mitten im Dorf. Die Opposition konterte mit dem Vorschlag, Sudoku durch "G'scheite Pause" zu ersetzen - eine Kombination aus Meditation und Brettspielen ohne Zahlen.
Die Krise spitzte sich zu, als ein bekannter Lokalpolitiker öffentlich erklärte, Sudoku sei "der neue Nationalgeist". Er schlug vor, das Rätsel zur Pflichtaufgabe in Schulen und Amtsstuben zu machen und bei Nicht-Erreichen eines bestimmten Schwierigkeitsgrades eine "geistige Entwicklungsbegleitung" anzuordnen. Prompt meldete sich die Tiroler Kulturszene zu Wort: Mehrere Künstler kündigten eine Aktion unter dem Titel "Sudoku-Stopp" an, bei der sie leere Zahlenfelder mit abstrakten Farbklecksen übermalen wollten.
Inzwischen soll es sogar erste Therapiegruppen für "Sudoku-Abhängige" geben. Ein Teilnehmer berichtete: "Ich habe früher Sudoku gemacht, um abzuschalten. Jetzt schalte ich nur noch ab, wenn ich Sudoku mache." Ärzte warnen vor "Sudoku-Tinnitus" - einem Zustand, in dem Betroffene die Zahlen 1 bis 9 im Kopf im Kreis laufen hören und nachts aufwachen, um zu prüfen, ob das mittlere Kästchen nicht doch die 4 statt die 5 sein müsste.
Die Lage eskalierte, als ein Gemeinderat vorschlug, Sudoku zur fünften Säule der Sozialversicherung zu machen. "Wer drei Rätsel am Tag löst, bekommt einen Bonus auf die Krankenversicherung", lautete der Vorschlag. Die Debatte endete in einem handfesten Streit, bei dem sich zwei Gemeinderäte darüber stritten, ob die 6 in der untersten Zeile nun waagerecht oder senkrecht gelesen werden müsse.
Am Ende wurde beschlossen, Sudoku als "kulturelles Kulturgut" einzustufen und eine Kommission einzurichten, die über Sinn und Unsinn des Phänomens befinden soll. Diese tagt unter Ausschluss der Öffentlichkeit - versteckt in einem Raum, dessen Wände mit 81 nummerierten Kästchen tapeziert sind. Ob sie jemals zu einem Ergebnis kommen werden? Das steht noch in den Sternen. Oder in den Zahlen.