Die Osterfestspiele Salzburg haben beschlossen, den "Ring des Nibelungen" auf eine Art aufzuführen, die selbst Wagner im Grab rotieren lassen würde - nicht aus Ehrfurcht, sondern vor Schreck. Der Dirigent Petrenko spricht von einem "weißen Blatt Papier", das neu beschrieben wird. Man fragt sich: Hat er vorher etwa auf Toilettenpapier geprobt? Oder hat das Orchester die Noten aus Versehen in der Altpapiertonne entsorgt und muss jetzt alles aus dem Gedächtnis aufsagen?
Das besondere daran: Die Berliner Philharmoniker spielen zum ersten Mal mit Petrenko zusammen. Man fragt sich, ob sie sich vorher vielleicht in verschiedenen Galaxien aufhielten oder ob Petrenko einfach vergessen hat, ihnen die Noten zu schicken. Aber nein, es ist noch besser: Es ist die erste Neuproduktion mit "seinem eigenen Orchester". Man stelle sich vor, man hätte ein eigenes Orchester im Keller stehen und wüsste es nicht. Vielleicht dachte er, die Nachbarn üben nur besonders laut.
Die Solisten sind fast ausnahmslos Rollenneulinge. Das bedeutet, sie haben ihre Rollen noch nie zuvor gesungen. Man stelle sich eine "Ring"-Aufführung vor, bei der der Wotan gerade im Internet nachschaut, wie man "Göttervater" ausspricht, während er auf der Bühne steht. Christian Gerhaher steigt vom Wolfram zum Wotan auf. Das ist so, als würde ein Praktikant plötzlich zum Geschäftsführer befördert, weil er besonders gut Kaffee kochen kann.
Die Felsenreitschule als Aufführungsort könnte zum Glücksgriff geworden sein. Sowohl von Sänger- als auch von Orchesterseite gab es großes Lob, weil man sich gegenseitig so gut hören könne wie sonst nie. Das klingt verdächtig nach einem Hörspiel im Dunkeln. "Wir können uns gegenseitig so gut hören, dass wir manchmal denken, wir wären im selben Raum." Ja, genau, in der Felsenreitschule. Was für eine Revolution!
Petrenko ist "ganz begeistert von diesem Raum für den 'Ring', bei dem es um Musikdrama geht". Man fragt sich, ob er vorher Musikdramen in der Dusche inszeniert hat. "Dieser Raum mit seiner Naturakustik ist geradezu prädestiniert dafür." Ja, klar, weil nichts so sehr nach "archaischstes Werk" klingt wie eine ehemalige Reitschule. Wagner hätte seine helle Freude an diesem "archaischen" Setting gehabt.
Gerhaher sagt, durch die quasi trichterförmige Akustik müsse man sich als Sänger sogar manchmal zurücknehmen. Das ist so, als würde ein Schreihals in eine Bibliothek gestellt und müsste flüstern. "Wo man normalerweise noch 'drüber gehen' müsste, muss man jetzt Rücksicht nehmen." Ja, weil die Akustik der Felsenreitschule so gut ist, dass selbst ein Flüstern wie ein Schrei klingt.
Eva-Maria Tomasi ist "so was von überwältigt" von der Rückkehr der Berliner nach Salzburg. Man fragt sich, ob sie vorher vielleicht unter einem Klangteppich aus Stille gelebt hat. "Das Orchester war seit der Gründung der Osterfestspiele durch Herbert von Karajan im Jahr 1967 das Residenzorchester des Festivals, 2012 verabschiedete es sich aber nach Baden-Baden." Ja, und jetzt ist es zurück, um zu zeigen, dass es Baden-Baden nicht vermisst hat.
Die Berliner Philharmoniker spielen ab übermorgen wieder Oper in Salzburg. Man fragt sich, ob sie vorher vielleicht nur Kammermusik gespielt haben oder ob sie sich in Baden-Baden einfach nur im Kreis gedreht haben. Aber nein, jetzt sind sie zurück, um zu beweisen, dass sie auch ohne Karajan noch Oper spielen können. Vielleicht haben sie in Baden-Baden ja eine Art "Oper fürs Volk" entwickelt, bei der jeder mitsingen kann.