Es war ein Freitag wie jeder andere im niederösterreichischen Asperhofen, als das Gasthaus Fenzl zum Epizentrum einer Revolution wurde. Nein, keine politische - viel gefährlicher: eine Kartel-Revolution. Unter der Leitung von Gabi Brunner, die wohl dachte, sie hätte einen gemütlichen Nachmittag mit ein paar Spielebegeisterten organisiert, begann eine Tragikomödie, die ihresgleichen sucht.
Die erste Warnung kam, als die Teilnehmer nicht etwa mit gemütlicher Jause eintrudelten, sondern mit Trainingsanzügen, Trinkflaschen und offenbar jahrelanger Turnier-Erfahrung. "Ich hab' mich auf einen gemütlichen Nachmittag gefreut", gestand Brunner später ein, "aber die Herren kamen, als ob sie zur Poker-WM fahren würden."
Und die Herren meinten es tatsächlich ernst. Ernst genug, um ihre Biergläser mit der Präzision von Chirurgen zu platzieren, ernst genug, um über jede Kartenverteilung zu diskutieren, als ginge es um das Schicksal der Europäischen Union. "Das ist kein Spiel, das ist eine Lebensphilosophie", erklärte Franz Huber, 82, während er seine Karten mit der Intensität eines Schachgroßmeisters studierte.
Die Situation eskalierte, als Oma Erna, 91, beim Mischen der Karten eine Technik anwandte, die selbst Las-Vegas-Dealern die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. "Die Alte kann schneller mischen als der Automat im Casino", flüsterte ein Teilnehmer bewundernd. Brunner versuchte zu retten, was zu retten war, doch die Senioren waren längst in ihrem Element.
Die eigentliche Sensation ereignete sich jedoch, als die Runde plötzlich über Strategien diskutierte, die selbst professionelle Pokerspieler in Erstaunen versetzt hätten. "Wenn ich eine 30er hab', dann bluff ich mit einer 20er", erklärte Franz M., 78, während seine Mitspieler nickten, als hätte er gerade die Relativitätstheorie neu erfunden.
Gabi Brunner saß da wie das Kaninchen vor der Schlange und fragte sich, ob sie nicht vielleicht doch besser einen Strickkurs hätte anbieten sollen. Doch es war zu spät. Die Kartel-Revolution hatte Asperhofen fest im Griff, und niemand wusste so recht, wie man sie wieder aufhalten sollte.
Als die Runde nach fünf Stunden endlich aufgelöst wurde, hatten nicht nur die Karten gelitten. Auch die Teilnehmer waren mitgenommen - allerdings nicht von der Anstrengung, sondern vom Adrenalinrausch, den nur ein perfekt gespieltes Kartel-Spiel auslösen kann. "Nächstes Mal bringen wir die Videokamera mit", kündigte Franz an, "damit wir unsere Technik verbessern können."
Brunner hat inzwischen angekündigt, zukünftig nur mehr Strickkurse anzubieten. Doch die Gerüchte besagen, dass sich bereits eine Gruppe von Kartel-Spielern organisiert hat, die plant, eine eigene Liga zu gründen. Die "Asperhofner Kartel-Könige" wollen nächstes Jahr zur Landesmeisterschaft antreten. Und wer weiß - vielleicht schaffen sie ja sogar die Qualifikation für die Weltmeisterschaft. In einer Welt, in der 90-Jährige mit 30-Karten um die Wette pokern, ist schließlich alles möglich.