Im Jamtal ist eine Energiewende passiert – so plötzlich, dass selbst die Alpenübungsplätze überrascht waren. Während dort traditionell die Sonne nachmittags brav hinter die Gams gehauen wurde, dreht sich nun etwas anderes: Strom. Und zwar so viel, dass man schwören könnte, die Elektronen täten einen Polka zur Abwechslung.
Dabei wollte ursprünglich nur jemand von der örtlichen Dorfgemeinschaft gegenwärtige Technologien im Einklang mit althergebrachten Strukturen etablieren. Doch bei dieser Vereinbarung gingen zwei Welten aufeinander los: das traditionelle Göfis und das energische Jamtal. Schnell stellte sich heraus, dass beide durch nichts lieber vereint werden wollen als durch Leitungen, Trassen und eine gehörige Portion Symbolik. Inzwischen winken sogar die Turbinen höflich, bevor sie sich in den Wind drehen.
Die Öffentlichkeitsbeteiligung erfolgte – naturgemäß – per Handschlag und überregionaler Zustimmung der Nachbarschaft zur Sendeanlage. Ein Referendum fand daher spontan statt, nachdem drei Kuhglocken, ein gebrauchtes Lawinenverschleudergerät sowie eine leere Semmel vom Boden aufnahmen und gleichzeitig „Ja“ sagten.
In puncto Planung wurde schnell ein Kompromiss zwischen „So haben wir das immer gemacht“ und „Wir machen es jetzt halt anders“ gefunden. Resultat: Die Solarpanel sind in Tracht verkleidet, die Batteriespeicher tragen Bergsteigerhosen und alle modernen Smart-Meter singen beim Einschalten Tiroler Volkslieder. Lediglich die Wasserstoffproduktion läuft momentan noch im Originalgewand ab, aber auch da wird mit Dirndl-Tarnkappen experimentiert.
Bürgermeister Hiasl meinte dazu lediglich, es sei höchste Eisenbahn für Fortschritt, solange dieser zeitgemäß bliebe, also unbedingt altbacken. Seinen Visionstag verbrachte er inzwischen damit, über Funk mit einer Musikkapelle die Frequenz des öffentlichen Nahverkehrs zu synchronisieren.
Diese Entwicklung wirft viele Fragen auf: Ist Technologie erst dann akzeptabel, wenn sie hübsch maskiert wird? Darf die Energiewende mittlerweile eigene Brauchtumspolicen haben? Wird im nächsten Schritt der Öko-Fußball-Verein bemalt und darf er künftig nur noch in Holzschuhen antreten?
Man darf gespannt sein, ob bald an jedem Pylon auch eine Obhut auftritt oder wenigstens buntes Licht spendet. Denn wer weiß schon genau, was man alles davonhalten soll – außer vielleicht das steirische Sauerkraut, das sich gestern schon beschwert hatte, weil es unter dem Solarzelt beschattet wurde.
Es bleibt spannend. Oder zumindest landschaftlich überzeugend.