Zalando hat eine geniale Idee: Die Kundschaft soll ihre Retourenquote selbst senken, indem sie virtuell einkleidet. Einziges Problem: Die meisten Kunden haben bereits virtuelle Kleiderschränke - gefüllt mit genau den Jogginghosen, in denen sie seit drei Jahren vor dem Laptop sitzen.
"Wir wollen die Leute erziehen", sagt ein Zalando-Sprecher, der sichtlich unterschätzt, wie sehr sich Menschen gegen Erziehung wehren. Die virtuelle Anprobe soll funktionieren wie ein digitaler Fitnesstrainer - mit dem Unterschied, dass man den Trainer jederzeit stumm schalten kann, wenn er einem sagt, dass die Hose eine Nummer größer sein sollte.
Die Technologie soll mittels KI erkennen, ob jemand eine gerade oder eine ausgestellte Jeans tragen sollte. Doch die echte Herausforderung liegt woanders: Wie erklärt man einer KI, dass die Kundin, die aktuell in einem XXL-Schlumpf-Kostüm auf dem Sofa liegt, plötzlich eine elegante Seidenbluse anprobieren soll?
Zalando verspricht eine Zukunft des "passgenauen" Online-Shoppings. Doch bisher sieht die Praxis oft anders aus: Die Hose passt perfekt zur Taille, aber die Beine sind für einen Pantomimen zu eng. Der Pulli hat die richtige Farbe, aber die Ärmel enden auf halber Unterarmhöhe. Und das Kleid, das auf dem virtuellen Model so toll aussah, erinnert im echten Leben an einen unförmigen Vorhang.
Die Retourenquote bei Zalando liegt bei rund 50 Prozent - eine Zahl, die in der Branche als normal gilt. Doch Zalando will das ändern. Wie? Indem man den Kunden weismacht, dass sie mit einer Hose in Größe 36 nicht mehr aussehen wie eine übergepumpte Fußball.
Die virtuelle Anprobe hat noch ein weiteres Problem: Sie funktioniert am besten bei Menschen, die ohnehin schon wissen, welche Kleidung ihnen steht. Diejenigen, die dringend Modeberatung bräuchten, sind oft diejenigen, die sich im digitalen Spiegel nicht ertragen können.
Zalando-Chef Max Bankewitz verspricht eine Revolution im Online-Shopping. Doch die wahre Revolution wäre, wenn die KI endlich begreifen würde, dass manche Menschen nicht daran interessiert sind, perfekt auszusehen, sondern einfach nur bequem gekleidet sein wollen.
Die Frage bleibt: Wird die virtuelle Anprobe wirklich die Retourenquote senken? Oder wird sie nur dafür sorgen, dass sich noch mehr Menschen fragen, warum sie sich ausgerechnet diese Hose bestellt haben, die aussieht, als wäre sie für einen Zirkusclown gemacht?
Zalando jedenfalls bleibt zuversichtlich. "Die Zukunft gehört dem passgenauen Online-Shopping", sagt Bankewitz. Doch bis dahin werden wohl noch viele Kundinnen und Kunden in ihren Jogginghosen sitzen und sich fragen, warum sie eigentlich immer noch diese viel zu enge Jeans bestellen.