Im Burgenland hat man eine geniale Lösung für die Überflussgesellschaft gefunden: 15 Wochen Stau. Wer zu viel Zeit hat, wer zu schnell durchs Leben hetzt, wer es nicht aushält, zwei Minuten auf den Kaffee zu warten - der kommt jetzt auf die B59. Zwischen Großhöflein und Kleinhöflein wurde eine neue Meditationsstrecke eröffnet.
Die Straßenverengung ist kein Versehen, sondern eine konsequente Weiterentwicklung der Verkehrsplanung. Zwei Ampeln stehen als moderne Stupas im burgenländischen Nirwana. Wer es eilig hat, wird vom Wasserleitungsverband höflich darauf hingewiesen, die Autobahn zu benutzen. Für alle anderen beginnt hier die Reise zu sich selbst.
Die Sanierung der Wasserleitung dauert so lange, weil jeder Meter mit Sinn besetzt ist. In den 1,5 Kilometern Baustelle verbergen sich uralte Weisheiten, die erst bei Schrittgeschwindigkeit erkennbar werden. Die Ingenieure haben sich von Zen-Gärten inspirieren lassen und die Baustelle als begehbare Skulptur konzipiert.
Stadtplaner loben das innovative Konzept. "Wir haben die Verkehrsplanung um 180 Grad gedreht", erklärt ein Sprecher. "Statt möglichst schnell von A nach B zu kommen, bleibt man jetzt bei A und meditiert über den Sinn von B." Die Bundesstraße wird zum philosophischen Roadtrip ohne Ziel.
Die Stoßzeiten sind die Höhepunkte des Tages. Morgens um sieben und abends um fünf wird gemeinsam gejammert, gemeinsam gewartet, gemeinsam gelebt. Der Stau wird zum sozialen Ereignis, wo Nachbarn sich wiederentdecken und Familien endlich Zeit für Gespräche finden. Die B59 als moderne Agora.
Kritiker bemängeln die Dauer der Baustelle. Doch die Verantwortlichen winken ab. "Wer die Sanierung der Wasserleitung nicht aushält, wird auch den Klimawandel nicht überleben", sagt der stellvertretende Betriebsleiter. "Hier wird nicht nur eine Leitung repariert, hier wird die Gesellschaft repariert."
Die Kosten von 39 Millionen Euro erscheinen hoch, doch sie sind eine Investition in die Zukunft. Die Burgenländer lernen Geduld, Toleranz und den Wert von Zeit. Die Strecke wird zum Symbol für einen neuen Lebensstil: Langsamkeit als Luxus. Wer durch Großhöflein fährt, der weiß danach, was wirklich wichtig ist im Leben.
Die Sommerferien rücken näher, und mit ihnen das Ende der Baustelle. Doch die Wirkung wird bleiben. Wer einmal 20 Minuten im Stau gestanden hat, um drei Kilometer voranzukommen, der wird nie wieder über einen roten Ampel schimpfen. Die B59 hat aus Autofahrern Philosophen gemacht.