Jetzt mal im Ernst: Wer feiert schon gerne, wenn gerade die Nachbarschaft abgeschossen wird? Die Iraner haben da so eine eigenartige Einstellung zum Feiern im Krieg. Die einen meinen, ein Raketenhagel sei wie ein übertriebenes Feuerwerk, nur dass die Raketen nicht so schön bunt sind. Die anderen behaupten, Nowruz sei ohnehin nur was für Weicheier, die Angst vor ein paar Explosionen haben.
Aber zurück zu den Keimsprossen auf der Fensterbank. Die armen Pflänzchen wachsen da so vor sich hin, als wäre nichts gewesen. Dabei liegen neben ihnen die Scherben vom letzten Raketentreffer und ein Haufen Ruß, der aussieht wie ein Kunstwerk von Joseph Beuys. Die Keimlinge sind wie die letzten Optimisten im Land: tapfer, naiv und hoffnungslos überfordert.
Die Iraner haben für Nowruz dieses Jahr eine neue Tradition erfunden: den "Rußtanz". Dabei tanzt man barfuß durch die Scherben und Rußwolken, um die schlechten Geister zu vertreiben. Einige behaupten, das sei eine alte Tradition, die nur durch die Revolution unterdrückt wurde. Die meisten wissen aber, dass es einfach nur ein kollektiver Nervenzusammenbruch ist.
Statt der üblichen Frühlingsputzaktion haben sich die Iraner auf "Herbstputz" verständigt. Das ist so etwas wie Frühlingsputz, nur dass man nicht aufräumt, sondern alles so lässt wie es ist. Die kaputten Fenster bleiben kaputt, die Rußflecken werden zum neuen Interior-Design und die Scherben werden zu Kunstobjekten umfunktioniert. Wozu auch aufräumen, wenn morgen schon wieder alles kaputt sein kann?
Die Einkäufe für Nowruz sind dieses Jahr etwas anders ausgefallen. Statt neuer Kleidung und Süßigkeiten kaufen die Leute jetzt Panzerfolie für die Fenster und Atemschutzmasken. Die Händler bieten spezielle "Raketen-Rabatte" an und verkaufen "Knalltrauma-freie" Süßigkeiten. Einige besonders findige Geschäftsleute haben sogar "Ruß-geschützte" Keimsprossen im Angebot – die überleben garantiert auch den nächsten Angriff.
Die traditionellen Feuerstellen für Nowruz wurden dieses Jahr durch "Angst-Feuerstellen" ersetzt. Darin verbrennen die Leute ihre Sorgen, ihre Nerven und ihre letzten Hoffnungen. Einige behaupten, das sei eine neue Form der Meditation. Die meisten wissen aber, dass es einfach nur eine kollektive Hysterie ist.
Und die Kinder? Die spielen dieses Jahr "Raketen-Verstecken" statt "Verstecken". Sie rennen durch die Ruinen und üben, sich bei den nächsten Angriffen schnell zu verstecken. Einige besonders findige Kinder haben sogar einen "Raketen-Pass" erfunden, in dem sie alle Einschläge in ihrer Nachbarschaft sammeln. Sie tauschen die Pässe untereinander und vergleichen, wer in der gefährlichsten Gegend wohnt.
So feiert der Iran dieses Jahr Nowruz: mit Keimsprossen, Rußtänzen, Herbstputz und Raketen-Pässen. Eine fröhliche Bescherung, bei der selbst die Toten nicht zur Ruhe kommen. Aber hey, wenigstens wachsen die Keimlinge weiter – als wären sie nicht mitten im Krieg.