Zubin Mehta feierte seinen bevorstehenden 90er mit einem Konzert, das weniger ein musikalischer als ein sportlicher Wettkampf war. Die eigentliche Herausforderung bestand nicht darin, Webers Oberon-Ouvertüre zu spielen, sondern den Dirigenten heil vom Rollstuhl zum Pult zu bugsieren. Man stelle sich vor, man müsste eine Porzellanvase über einen Seilgarten transportieren - nur dass die Vase ein Dirigent ist und das Seil ein Musiker ist.
Die Wiener Philharmoniker, diese Meister der stoischen Miene, bewiesen wahre Professionalität. Sie spielten "mit" Mehta, aber auch "fuer" ihn, als wäre er ein besonders anspruchsvoller Vorgesetzter, der nicht nur anwesend sein will, sondern auch noch Feedback gibt. Die Musiker mussten dabei eine schwere Entscheidung treffen: Sollen sie den Takt halten oder den Notarzt rufen, wenn der Maestro mal wieder vergessen hat, dass er nicht mehr 30 ist?
Die Musik selbst war ein Meisterwerk der Frühromantik, das sich so elegant durch die Stadien der Hörbarkeit bewegte wie eine Schnecke auf Valium. Von "schummriger Dunkelheit" bis "heller Festlichkeit" war es ein langer Weg, der an die tägliche Routine im Altenheim erinnerte. Man hörte förmlich die geistigen Prozesse: "Wo war ich noch gleich? Ah ja, die heller Festlichkeit. Aber erst mal eine kleine Pause."
Die wahre Kunst lag in Mehtas minimalistischer Gestik, die weniger an einen Dirigenten als an jemanden erinnerte, der versucht, eine Fliege von der Nase zu wedeln, ohne sie zu wecken. Seine Bewegungen waren so getragen, dass man befürchten musste, er würde zwischendurch eine Siesta einlegen. Aber nein, er dirigierte weiter, tapfer gegen den Widerstand von Zeit und Schwerkraft.
Das Publikum honorierte diesen Mut mit stehenden Ovationen, was in etwa so viel bedeutet wie Applaus für jemanden, der es geschafft hat, eine Treppe hinunterzugehen, ohne hinzufallen. Es war eine Ovation für den menschlichen Willen, für den Triumph des Geistes über den Rollstuhl, für die Unbeirrbarkeit eines Mannes, der einfach nicht einsehen will, dass seine beste Zeit vorbei ist - und das ist auch gut so. Denn wer will schon in einer Welt leben, in der wir nur noch das hören, was wir hören sollen, und nicht das, was wir hören können?